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"So eine neue Leichtigkeit"

Kloster statt Partynächte.

Ein Jahr Missionarin auf Zeit in Brasilien – das wollte Michaela Leifgen, 2001, das Abitur gerade in der Tasche. Andere dachten an Feiern, Ausbildung, Studieren. Michaela Leifgen dachte ans Kloster. Bei den Steyler Missionsschwestern wurde sie zu Schwester Michaela.

 

 

Sie hat Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gelobt. Im Gespräch mit donews erklärt Michaela Leifgen, warum Verzichten Freiheit sein kann und warum Mission nicht mehr bedeutet, Heiden zu bekehren.

 

 

Michaelas Weihnachtsbotschaft an alle donews-Leser (226KB,33s)

 

 

donews: Schock oder Verständnis – wie haben Freunde und Familie reagiert, als du in den Orden gegangen bist?

 

Michaela Leifgen: Natürlich waren einige schon befremdet. Aber die Menschen, die enger mit mir befreundet waren, hat es nicht so überrascht. Die haben gespürt, dass mich das anzieht, und gedacht, dass es zu mir passt. Meine Eltern waren nicht wirklich begeistert, weil sie sich andere Vorstellungen von meinem Leben gemacht haben: Dass ich mal heirate und Kinder bekomme und erstmal ein Studium mache. Ihre Sorge war, dass ich im Kloster keine Berufsausbildung machen könnte und dann – sollte ich doch wieder austreten – mit Nichts auf der Straße stehen würde.

 

 

donews: Warum bist du Missionsschwester geworden?

 

ML: Die Vorbereitung zu dem Projekt „Missionare auf Zeit“ lief über den Orden. So habe ich einige Schwestern kennen gelernt, deren Lebensstil, deren Ausrichtung – und hab mich angesprochen gefühlt. Dann hab ich an dem Projekt teilgenommen, schon mit dem Wunsch, mal zu schauen, ob dieses Leben wirklich etwas für mich sein könnte. Oder nur ein Hirngespinst ist, das wieder vergeht. Ich habe bei der Zusammenarbeit mit den Schwestern gemerkt, dass mir das total zusagt.

 

 

 Nah an Gott - weit weg von der Welt?

donews: Wenn man in deinen Orden eintreten möchte, muss man ein paar Bedingungen erfüllen. Verzicht steht nicht drin. Warum? 

 

ML: Das ist wahrscheinlich eine Frage der Perspektive – bei jeder Wahl entscheidet man sich für das Eine und verzichtet daher auf das Andere. Genauso ist es beim Ordensleben: Dadurch, dass ich mich dafür entschieden habe, habe ich gleichzeitig viele andere Möglichkeiten ausgeschlossen. Aber das muss kein Verzicht sein, weil ich dadurch auch sehr viel gewonnen habe. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwas verpasse, weil ich jetzt im Kloster bin. Ganz im Gegenteil, mir ist viel geschenkt worden – auch sehr viel Freiheit, was vielleicht paradox klingen mag, aber für mich wirklich so ist.

 

 

donews: Freiheit durch Verzicht?

 

ML: Das ist eine gewisse Unabhängigkeit – ich hänge mich nicht an Materielles oder andere Menschen, so dass ich denke, ich könnte ohne diese Dinge oder Menschen nicht sein. Ich versuche, mich davon zu befreien und das gibt so eine neue Leichtigkeit.

 

donews: Du verzichtest ja nicht nur auf die Ehe als Institution, sondern auch auf Sex...

 

ML: Es geht tatsächlich. Die Tatsache, dass es Schwestern und Priester gibt, zeigt ja, dass es trotzdem ein erfülltes Leben sein kann. Dass ich kein Sexualleben habe, bedeutet nicht, dass ich keine engen freundschaftlichen Beziehungen habe. Nicht zu vergessen ist ja auch die Beziehung zu Gott, die sehr erfüllend sein kann – auch wenn das ein weiter Weg dahin ist. Da ist auch mal eine Wüsten-Zeit, in der man die Beziehung zu Gott nicht so spürt, in der es öde ist. Es gibt trotzdem immer wieder dieses Gefühl der Bestätigung – das ist wirklich das, was mich ausfüllt.

 

 

 Der Papst auf T-Shirts - Glauben
 als Popkultur?

donews: So nah an Gott und so weit weg von der Welt?

 

ML: Ich sehe mich selbst nicht fern ab vom Weltlichen – ich möchte doch gerade in der Welt sein und leben. In den drei Jahren Ordensausbildung hatte ich schon wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, aber jetzt bin ich da wieder total drin. OK, ich merke, dass ich ein paar Sachen verpasst habe, nicht mehr überall auf dem neuesten Stand bin – i-Pod und so weiter. Aber ich strebe nicht an, mich davon abzuschotten. Und dass ich jetzt Medienwissenschaften studiere, zeigt das ja auch.

 

donews: Der Weltjugendtag, eine neue Begeisterung für die Religion – rücken Gott und Welt wieder näher zusammen?

 

ML: In Köln waren Jugendliche aus aller Welt, das kann man nicht über einen Kamm scheren. Ich war bei einigen Veranstaltungen dabei und hatte den Eindruck, dass zum Beispiel die Italiener oder die Brasilianer die Anheizer waren – gerade bei der Euphorie um den Papst. Die Jugendlichen leben ihren Glauben in diesen Ländern anders. In Deutschland wäre mir das eher fremd. Ich fände es gut, wenn der Weltjugendtag hier irgendetwas bewegen würde. Ich bin mir aber nicht sicher, ob jetzt wirklich ein Wandel statt gefunden hat – ich glaube, das wäre zuviel behauptet.

 

donews: Was hältst du von T-Shirts mit Aufdrucken wie "Ratze, ich will ein Kind von dir?"

 

ML: Krass ... ich bin keine Papst-Anhängerin. Aber das finde ich ein bisschen seicht. Genauso wie diese "Wir sind Papst"-Geschichte oder die "Du bist Deutschland"-Kampagne – die kommen bei den Leuten, mit denen ich darüber gesprochen habe, nicht an. Ich weiß nicht, ob man damit nicht auch das Gegenteil bewirken kann. "Wir sind Papst" wurde ja fast Kult, aber es hat dadurch schon an Wert verloren, dass BILD daneben stand.

 

donews: Du bist Missionsschwester – warum glaubst du, dass man andere von seinem Glauben überzeugen muss?

 

ML: Dieser Gedanke ist nicht mehr der aktuellste und auch nicht der, den wir jetzt leben. Wir ziehen nicht in die Heiden-Länder und bekehren die Leute, damit sie gerettet werden. Für uns bedeutet Mission – gerade als Schwestern und Frauen – uns gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu wehren, gegen Strukturen, in denen kein Leben herrscht. Bei uns gibt es alle sechs Jahre eine weltweite Versammlung, in der unsere aktuellen Ziele formuliert werden. Zurzeit sind das der Kampf gegen AIDS und das Eintreten für Frauenrechte. Und das nicht nur in den Ländern der Dritten Welt, denn Frauenhandel gibt es auch in Europa – Mission ist nicht nur Übersee, Mission ist auch bei uns.

 

BILDER: Sönke Klug

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VON SIMON BÜCKLE UND SÖNKE KLUG

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