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"Ja! Ja! Ja! Wir sind Weltmeister"

Selbstironie mit ernstem Unterton - Friso Wielenga.

In orangenfarbener Fan-Montur stürmt Friso Wielenga in den Raum - jubelt, feuert die niederländische Elf an und stimmt so das Publikum auf seinen Vortrag ein. Die Farbe ist Programm: Unter dem Titel "Oranje-Gefühl mit anti-deutschem Unterton?" will der niederländische Professor aus Münster die Fußball-Rivalitäten der beiden Nachbarländer näher betrachten. Seine Herangehensweise heißt Selbstironie, aber ein wenig Ernst ist auch immer dabei.

 

Die Endspiel-Niederlage gegen Deutschland bei der WM 1974 sei ein schwarzer Sonntag für die Niederlande gewesen: "Da fing alles an - denn: Waren wir nicht eigentlich besser?", sagt der 50-Jährige patriotisch. Das Publikum lacht. "Uns wurde der Sieg genommen", bekräftigt er und führt das in seinen Augen entscheidende "Foul" an Bernd Hölzenbein in der 22. Minute an. Das deutsche Wort 'Schwalbe' sei seitdem ins Niederländische eingegangen. "Wenn jemand das Wort benutzt, weiß sein Gegenüber genau, was gemeint ist - und murmelt nur 'Hölzenbein'." Erneut erntet er Lacher.

 

Während für die einen ein Traum platzte, überschlugen sich die anderen vor Freude: Deutsche Medien feierten den Sieg überschwänglich mit Schlagzeilen wie "Ja! Ja! Ja! Wir sind Weltmeister". Doch die Zeiten der großen Spiele zwischen den Rivalen sind für Wielenga vorbei.

 

Kanzler Kohl im deutsch-niederländischen
Porzellan-Laden - Vorsicht ist geboten. 

Historische Wurzeln

 

Die Rivalität der beiden Nachbarländer habe eine lange Geschichte: Schon vor der Machtergreifung der Nazis 1933, aber besonders durch die Besatzungszeit von 40 bis 45 hätten die Niederländer keine gute Meinung über die Deutschen gehabt: "Wir waren neutral und wurden von den Deutschen überfallen - dabei hatten wir seit Napoleon keine Besatzung erlebt", erklärt Wielenga.

 

Nach Kriegsende hätten seine Landsleute zwar ihre Abneigung gegen die ehemaligen Besatzer nicht abgelegt, das Verhältnis sei aber immer ambivalent gewesen: Wirtschaftlich und kulturell sei der "kleine Nachbar" stets abhängig gewesen.

 

"1974 keine Kriegs-Ressentiments mehr"

 

Stimmten zu Anfang der 60er Jahre in einer Umfrage nach der unsympathischsten Nation noch 31 Prozent der Niederländer für Deutschland, so schwächte sich diese Atmosphäre im darauf folgenden Jahrzehnt ab. "1974 gab es keine Kriegs-Ressentiments mehr", betont Wielenga. Die Niederlande hätten der Welt zeigen wollen, wie modern und selbstbewusst sie seien - auch auf dem Fußballfeld: Die "Elftal", die niederländische Nationalmannschaft, spielte auf internationalem Parkett bis dahin keine Rolle. "Während der WM wurden wir dann zum Favoriten und litten schließlich an Selbstüberschätzung", sagt der Professor ganz offen. "Die niederländische Post hatte sogar schon Weltmeister-Briefmarken gedruckt."



Mehr zum Thema

WM-Finale 1974

Sonntag 7. Juli, München

Deutschland - Niederlande 2:1  

Tore:

0:1  Neeskens    1.  (Elfmeter) 

1:1  Breitner     25.  (Elfmeter) 

2:1  Müller        43.   

 

EM-Halbfinale 1988

Dienstag 21. Juni, Hamburg

Deutschland - Niederlande 1:2 

Tore:

1:0  Matthäus   55.  (Elfmeter) 

1:1  Koeman    74.  (Elfmeter) 

1:2  v. Basten   89.  

 

WM-Achtelfinale 1990

Sonntag 24. Juni, Mailand

Deutschland - Niederlande 2:1

Tore:

1:0  Klinsmann  50.  

2:0  Brehme      84.  

2:1  Koeman     88.  (Elfmeter)  

 

Gesamt:

22 Spiele, Deutschland 9 Siege, Niederlande 5, Unentschieden 8 

 

"Wir dachten: Wir sind die Besten. Wer das nicht anerkennt, soll unsere Wut zu spüren bekommen - so passierte es in Deutschland, 1974 wurde zum Trauma", sagt der Professor. Sein Land sei enttäuscht gewesen, habe wieder "das niederländische Minderwertigkeitsgefühl" gespürt - und das alles zu Unrecht. Dementsprechend heißt auch ein Buch über die WM-Niederlage "Wir waren die Besten". Wielenga hält es hoch und sagt: "Fast 400 Seiten dick - das nenne ich Trauma-Verarbeitung." Dieses Werk sei das wichtigste in seiner Bibliothek, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu.

 

"Historischer Sieg" 1988

 

Doch die extreme Rivalität habe erst viel später eingesetzt: Nach dem Finale seien niederländische und deutsche Medien eigentlich sehr sportlich geblieben und die Mannschaft in Orange erneut in der Bedeutungslosigkeit versunken. Bis zum Halbfinale der Europameisterschaft 1988: Kurz vor Abpfiff schoss Marco van Basten die Deutschen aus dem Turnier. Ein "historischer Sieg", "endlich Rache" drückten niederländische Medien das empfundene Gerechtigkeits- und Befreiungsgefühl, die allgemeine Euphorie im Land aus, so Wielenga.

 

"Nach dem Spiel bin ich durch die Innenstadt von Amsterdam gegangen", erinnert er sich. "Die Straßen waren voll, ich hatte den Eindruck, wir hätten gerade eigenhändig den Zweiten Weltkrieg gewonnen." Der spätere Titelgewinn habe nie die Bedeutung erreicht, wie der Sieg über den Rivalen: Die Niederlande hätten das Gefühl gehabt, immer von Deutschland überflügelt zu werden, immer der Kleinere zu sein. "Jetzt hatte David endlich gegen Goliath gesiegt", schwärmt Wielenga. "Wir hatten allen gezeigt: Dutch ist nicht deutsch, wir sind kein deutsches Bundesland, unsere Sprache ist kein Ableger - sie ist viel älter."

 

Wielenga über "historische Gerechtigkeit" (38s/1MB)

 

Rijkaard verpasst Völler eine Haarkur 
- heute kann Wielenga darüber lächeln. 

Der Jubel nahm drastische Ausmaße an: Ronald Koeman wischte sich nach dem Spiel mit Olaf Thons Trikot demonstrativ den Allerwertesten ab und löste Tumulte unter den Zuschauern aus. "Die Rivalität ist ganz klar ein niederländisches Phänomen, die Emotionalität ging eindeutig von uns aus", gibt Wielenga zu.

 

Für einen weiteren unrühmlichen Höhepunkt sorgte Frank Rijkaard, als bei der WM 1990 in Italien die beiden Nachbarn im Achtelfinale erneut aufeinander trafen: Er spuckte vor einem Millionenpublikum Rudi Völler an. Doch diesmal waren die Deutschen wieder überlegen und warfen die Niederländer raus.

 

Fußball als Krieg

 

"Erst jetzt kam in den deutschen Medien der Revanche-Gedanke auf", sagt Wielenga. "Der wurde dann künstlich wach gehalten - wenn man alles mit Kameras beobachtet, dann passiert auch was." Ab Mitte der 90er habe es zwar immer noch Empfindlichkeiten gegeben, aber keine besondere Aufregung mehr: "Die Niederlande brauchen Deutschland, um sich selbst zu erkennen. Fußball ist ein gutes Mittel - kein Krieg 16 gegen 80 Millionen Einwohner, sondern elf gegen elf."

 

Wie ist die Stimmung zwischen den Nachbarn heute? (35s/1MB)



Zur Person

Prof. Dr. Friso Wielenga stammt aus der Nähe von Rotterdam. Seit 1999 ist er Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Universität Münster. Sein Vortrag am Donnerstag, 1. Juni, an der Uni Dortmund war der letzte der Veranstaltungsreihe "Ist Fußball unser Leben?", die das Stadtarchiv Dortmund und das Historische Institut der Universität organisieren.

 

Der Höhepunkt der Rivalität sei jedoch schon längst über dem Höhepunkt, beim erneuten Aufeinandertreffen bei der EM 2004 habe es keine Probleme mehr gegeben. "Der WM können wir daher ganz gelassen entgegen sehen, die Fans haben sich verbrüdert", meint er.

 

Seine sportliche Einschätzung: "Die Niederlande fliegen im Viertelfinale raus, in Bezug auf Deutschland bin ich nach dem 2:2 gegen Japan sehr optimistisch", kann sich Wielenga den Seitenhieb jedoch nicht verkneifen. Und grätscht noch einmal nach: "Sie hoffen vielleicht auf den Heimvorteil, aber der Rasen in den deutschen Stadien kommt aus den Niederlanden - also ist es unser Heimspiel."        

 

FOTOS: Cathleen Oswald & Simon Bückle

VIDEOS: Simon Bückle

VON SIMON BÜCKLE

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