| Herr der Ringer | ||
Viele Ringer haben ihre Schwächen. Einige sind unsicher bei der Bodenabwehr. Andere attackieren zu durchsichtig und finden keine Mittel, ihre Gegner auf die Schultern zu legen. Deutschlands Olympiaringer Adam Juretzko offenbarte nur eine Schwäche: seine falsche Bescheidenheit. "Das bedeutet alles nichts, das war nichts besonderes", lautet das kurze Statement nach seinem Finalsieg.
Internationale Topbesetzung
In einem aber hat Adam Juretzko Unrecht - gemessen am hochkarätigen Teilnehmerfeld des 25. Grand Prix in der Helmut-Körnig Halle war sein Erfolg doch etwas "besonderes": Mehr als 100 Ringer aus 19 Nationen verteilt auf sieben Gewichtsklassen. Unter ihnen 40 Olympiasieger, Welt- und Europameister. Eine internationale Topbesetzung. Wer hier in seiner Gewichtsklasse gewinnt, ist international ein ernstzunehmender Gegner. Juretzko gehört zweifelsfrei zu dieser Sorte. Im Ringsport zählt das Turnier zu den weltbesten in diesem Jahr. Für viele Nationen ist es vor den Olympischen Spielen in Athen, eine der letzten Gelegenheiten, die Leistung ihrer Ringer zu überprüfen.
Neben den starken Ringernationen Kuba und Russland schickte auch die Türkei 13 Weltklasseringer auf die Matte. Mit dabei war auch Hamza Yerlikaya, der schon in Sydney und Atlanta, olympisches Gold gewann. In seiner Gewichtsklasse bis 96 Kilo hieß sein Gegner im Kampf um eine Sporttasche Mirko Englich. Der 25-Jährige vom KSV Witten unterlag, weil Yerlikaya ihn frühzeitig mindestens eine Sekunde auf die Schultern legte - die Höchststrafe für einen Ringer. Damit belegte Englich am Ende nur den vierten Platz. "Hätte ich nur eine halbe Sekunde schneller reagiert, wäre das nicht passiert". Ganz zufrieden mit seiner Leistung war Englich nicht: "Die Spritzigkeit fehlte". Vielleicht lag das an der harten Vorbereitung mit Trainingslagern in Kuba, den USA und in Frankfurt an der Oder. Vielleicht aber auch daran, dass der türkische Doppel-Olympiasieger Yerlikaya an diesem Tag einfach besser war. Bei Olympia hat Englich jedenfalls die Chance, sich zu revanchieren. "Wenn alles gut läuft, ist vielleicht eine Medaille drin", hofft Englich. Bis dahin will er noch einige Kilos zulegen. Mehr Masse ist sein Geheimrezept. Ob dies dann auch gegen Martin Lidberg reicht, darf mehr als bezweifelt werden. Der schwedische Welt- und Europameister feierte einen souveränen Turniersieg in Englichs Gewichtsklasse.
Unterstützung erhält Englich vom Kader-Kollegen Adam Juretzko. "Olympia hat ganz eigene Gesetze, alles ist möglich". Juretzko sagt das vielleicht auch ein wenig, um sich selbst Mut zu machen. In seiner Gewichtsklasse fährt er nur als Ersatzmann für Vize-Weltmeister Konstantin Schneider mit. Wenn Schneider eine Medaille holt, freut sich auch Juretzko. Denn zum Teil wäre es auch sein Verdienst. "Wir trainieren gemeinsam und sind gute Freunde". Sollte aber Juretzko eine Chance bekommen, um Medaillen statt Sporttaschen zu ringen, würde er "alles geben". Es scheint als möge Juretzko es besonders griechisch-römisch. In seiner Gewichtsklasse bis 74 Kilo hat er die gesamte Elite niedergerungen. Auch im Finale war seine Leistung gnadenlos gut. Trotz einiger Kratzer und einer hektischen Phase blieb Juretzko immer abgeklärt. Mit einem klaren 5-0 Punktsieg gegen das dänische Talent Mark Madsen sorgte er für den Höhepunkt aus deutscher Sicht.
Am Ende landete das deutsche Team in der Nationenwertung hinter Russland und vor der Türkei auf dem zweiten Platz - auch das war größtenteils sein Verdienst. Aber Juretzko bleibt immer bescheiden und freut sich über Grubenlampe und Sporttasche. Und die Frage nach seiner Leistung ist irgendwie überflüssig. "Das bedeutet alles nichts, das war nichts besonderes".
Der "Große Preis von Deutschland"
Fotos: Mustafa Benali
| ||
|
||
|
|
||

In einem hat er Recht; gemessen an den Siegpreisen war es wirklich nichts "besonderes". Im Gegensatz zum Tennis fährt der Sieger eben nicht mit einem Porsche nach Hause. Sport-Equipment und eine Dortmunder Grubenlampe - Preise dieser Kategorie sind beim Ringen üblich. Ein Schmunzeln aber lässt sich schwer verkneifen, wenn ein kantiger 120 Kilo Kubaner kritisch seine Dortmunder Grubenlampe beäugt.
Mirko Englich fehlte die Spritzigkeit
Juretzko und Englich bei Olympia