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Fahnen, Fans und Fanatiker

Ein besonders farbenfroher Fan.

"Noch ist Polen nicht verloren", heißt es in der ersten Strophe der polnischen Nationalhymne - und das scheint auch die Überzeugung der polnischen Schlachtenbummler zu sein, die man gegen 17.30 Uhr am Dortmunder Hauptbahnhof ankommen sieht, oder besser noch: hört.

 

"Polska! Polska!"-Rufe erschallen ringsum, rot-weiße Fahnen werden geschwenkt, und überall blickt man in gut gelaunte Gesichter. Die deutschen Anhänger, die von der durchs Land schwappenden Euphoriewelle getragen werden, halten mächtig dagegen: "Deutschland, Deutschland" lautet ihr Echo. Bisweilen hört man in Vorfreude auf den erwarteten Sieg schon den klassischsten aller deutschen Fangesänge: "So ein Tag, so wunderschön wie heute..."

 

König Fußball und seine Untertanen

 

Sowohl inner- wie auch außerhalb des Hauptbahnhofs herrscht ein Betrieb, wie er in Dortmund nur dann zustande kommt, wenn König Fußball zum Spiel im "ich sag mal Westfalenstadion" (Jens Lehmann) bittet. Trotz der Wichtigkeit, die der anstehenden Partie beigemessen wird, ist das Betragen seiner Untertanen durch und durch konfliktfrei. Bisher hat die Stimmung nichts mit den Krawallen zu tun, die seit Monaten in der öffentlichen Diskussion befürchtet worden sind.

 

 

 

Zeigt her, was Ihr habt. 

Eine halbe Stunde später vorm Stadion. Auch hier geht es gelöst und friedlich zu. Vereinzelt hört man die Fans singen, sieht polnische und deutsche Anhänger, wie sie gegenseitig Erinnerungsfotos schießen. 150 Meter hinter der U-Bahn-Endhaltestelle wartet die erste Einlasskontrolle. Das Ordnungspersonal tastet die Fans sorgfältig von oben bis unten ab, schaut in die mitgeführten Taschen und Rucksäcke und kassiert, wo nötig, die Gegenstände ein, die nicht ins Stadion hinein dürfen.

 

Weil bekannt ist, dass es sich bei diesen "Un-Gegenständen" nichtzuletzt um Flaschen und Dosen handelt, sind an diesem strategisch äußerst günstigen Punkt auch Menschen unterwegs, die mit dem Spiel nichts zu tun haben: Statt ins Stadion zu wollen, sind sie mit riesigen Tüten und Wagen angerückt, um die vielen Pfandgüter der Fans einzusammeln. Zwar ist es noch eine Weile hin, bis die sportliche Auseinandersetzung beginnt, und dementsprechend dauert es noch, bis die Mehrzahl der Fans zum Stadion kommt - gleichwohl quillt die eine oder andere Tüte schon über. Es scheint ein gutes Geschäft zu werden.

 

Polnische Spieler und festgenommene Fans

 

Anschließend geht es zurück in die Innenstadt. Die Fahrt mit der U-Bahn ist geprägt von polnischen Gesängen, die Ebi Smolarek, den Borussenspieler in Reihen der polnischen Elf, zu feiern scheinen. Die werden abgelöst von Liedern, in denen Lukas Podolski und Miroslav Klose, die beiden deutschen Akteuren mit polnischen Wurzeln, erwähnt werden. Ohne Polnischkenntnisse ist zwar nicht klar, was genau gesungen wird, aber es ist wohl davon auszugehen, dass es im letztgenannten Fall eher nichts Schmeichelhaftes sein dürfte.

 

Gesänge von Polen über polnische Spieler hüben wie drüben (34s/546KB)

 

 

 

In der "Schwarze Brüderstraße." 

Wieder am Hauptbahnhof. Die Masse Mensch scheint noch zahlreicher geworden zu sein. Alles treibt in Richtung Friedensplatz, wo die große Liveübertragung stattfinden wird. Ungefähr auf halber Strecke stürmt plötzlich eine Gruppe von Hooligans heran, die von SEK-Beamten verfolgt wird. Sie rennen Richtung "Platz von Hiroshima", jagen in die Haupteinkaufsstraße und liefern sich ein kleines Gerangel, das damit endet, dass sieben Personen in die "Schwarze Brüderstraße" bugsiert werden. Von den vermummten, in martialisch wirkenden schwarzen Uniformen gewandeten SEK-Beamten eingekreist, sitzen sie mit fixierten Händen auf dem Boden. Einer der Festgenommen sagt, nur zufällig gerade am Ort des Geschehens gewesen zu sein. "Ich bin ein ganz normaler Fußballfan!" Was seine umstehenden Freunde bestätigen. Doch das hilft alles nichts, er bleibt in Gewahrsam und wird wie die übrigen Festgenommen wenig später im Polizeiwagen abtransportiert.

 

Krawall und Randale

 

Um zum Friedensplatz zu gelangen, müssen die Fans über den "Alten Markt". Doch genau dort sperrt die Polizei den weiteren Weg großräumig ab. Niemand kommt durch, und das Personal der umliegenden Cafes sammelt schnell die Stühle und Tische ein, die draußen stehen. Zeugenberichten zufolge hätten gegen 19 Uhr an einer Ecke des Platzes ungefähr 50 deutsche Hooligans gestanden, die wiederum von etwa 100 Polizisten beobachtet worden seien. Als die Stimmung an Lautstärke und Spannung zugenommen habe, wäre um die Hooligans ein Kessel gebildet worden. Das hätte die Situation aber keineswegs entspannt, sondern nur noch verschärft: zum Einen sei es zu Solidarisierungen von "normalen" Fans mit den eingekesselten Hooligans gekommen, was zur Steigerung der aggressiven Grundatmosphäre geführt habe. Und zum Anderen sei eine weitere, noch größere Gruppe deutscher Hooligans im Rücken der Polizeikette zum Angriff auf polnische Fans übergegangen.

 

Unmittelbar vor dem Friedensplatz sei es zur direkten Konfrontation zwischen beiden Gruppen gekommen. Es flogen Flaschen, Gläser und Stühle. Der ganze Vorgang habe nicht mehr als zwei bis drei Minuten gedauert. 

 

Man sieht immer noch, wie die eingekesselten Hooligans in die bereitgestellten Gefangenentransporter geschafft werden. "Das dauert jetzt schon anderthalb Stunden", sagt einer der Umstehenden. Nach seinem Gesamteindruck gefragt, meint der Mann, dass weniger Hooligans in Erscheinung getreten seien, als man hätte erwarten können. Dafür aber wären die "normalen" Fans sehr aggressiv gewesen. "Die warteten nur auf einen Anlass zur Randale."

 

Endlich auf dem Friedensplatz

 

 

Deutschland - Polen 1:0! 

Auf Umwegen ist es trotz der Polizeiabsperrungen möglich, doch noch den Friedensplatz zu erreichen. Sich unter die Fans zu mischen, stellt dagegen ein gewisses Problem dar: das Areal ist seit Stunden dicht. Nur durch Vorzeigen von Presseausweisen darf man die Eingänge passieren. Kaum angekommen, ertönt der Halbzeitpfiff. Es steht 0:0 Unentschieden.

 

Unter emotionaler Begleitung des anwesenden Publikums steht es auch zur 90. Minute noch 0:0. Nach zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Lattentreffern durch die deutsche Mannschaft ist die Verzweiflung zum Greifen. Fast haben sich die deutschen Anhänger schon mit dem Remis abgefunden, als plötzlich ausgerechnet durch den Borussenspieler David Odonkor die alles entscheidende Flanke geschlagen wird, die Oliver Neuville zum 1:0 verwertet. Der Jubel unter den Deutschen ist grenzenlos. Es folgt der Abpfiff, und damit ist es geschafft für Schwarz-Rot-Gold. Die Euphorie erhält einen neuerlichen Schub.

 

Die polnischen Fans sind enttäuscht und traurig. Aggressiv aber sind sie hier nicht. Sie singen weiterhin ihre Lieder, halten die Fahnen hoch und gratulieren den Deutschen zum Sieg. Randale gibt es keine mehr, obwohl es entgegen der ersten Strophe der polnischen Nationalhymne nun doch so zu sein scheint, dass "Polen", was die WM betrifft, "verloren ist." Nein, es sind gute Verlierer, und das zu sein, ist eine der schwersten Übungen im Reich von König Fußball.

 

FOTOS: Simon Bückle und Roman Goncharenko

 

Hier geht's zur Bilderstrecke über den 14. Juni in Dortmund.

 

VON LARS SCHALL

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