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Ein Viertel am Scheideweg

Ein Viertel sorgt für Gesprächsstoff.

Acht Jahre  lang wurde die Imagekampagne des "Brückstraßenviertels" öffentlich gefördert. Seit Januar ist das Quartier wieder auf sich allein gestellt. Angesichts einer hohen Geschäftsfluktuation in den vergangenen Monaten kam eine Dortmunder Lokalzeitung zu der Annahme, das Viertel drohe nun auszusterben. Donews hat zu dieser These ein Stimmungsbild unter Unternehmern und Verantwortlichen des Quartiermarketings Brückstraße erstellt.

 

Anlass der pessimistischen Berichterstattung war der Auszug der Boutique "Cut for girls" aus dem Brück-Center. Der Laden, der Marken-Ware für junge Damen anbietet, hat nun neu in der Stubengasse eröffnet. "Die alte Miete war zu hoch. Außerdem gibt es in der Brückstraße zu viele Ramsch-Läden", erklärt der Geschäftsführer Michael Wittenberg, den Umzug von "Cut for girls". Die Mieten bestimmt Dr. Pulteskier, ein Münchner Immobilien-Besitzer, dem etwa die Hälfte der Häuser in der Brückstraße gehört. Der Laden ist nicht der einzige, der in den letzten Monaten schließen musste: Auch der Bäcker "Brotzeit" ist vor einigen Monaten aus dem Viertel verschwunden. Der Mode-Schmuckladen "Tresoro" veranstaltet derzeit seinen Räumungsverkauf.

 

Michael Wittenberg zu den Ursachen der Umzüge (22s/260kb)

 

Hohe Mieten und Billig-Konkurrenz

 

Hohe Mieten und Konkurrenz durch Billigläden werden immer wieder als Probleme genannt: "Aufgrund der Mietkosten überlegen wir auch umzuziehen", sagt "Mo", Inhaber der linken Szene-Kneipe "Hirsch-Q" im nördlichen Teil des Viertels. Auch sein Vermieter hat die Preise angehoben. Patricia Scholz, Geschäftsführerin der Bar "Chill'R" in der Gerbergasse stellt fest: "Diese Ramsch-Geschäfte gab es hier vorher nicht." Auch Maxi, seit sieben Jahren Verkäuferin im Gothic-Klamotten-Laden "Outcast" versichert: "Früher gab es hier nur szenige Läden und nicht solche, in denen man Jeans für fünf Euro kaufen kann." Michael Wittenberg meint, dass auch dieses Problem der Mietpolitik des Münchner Immobilien-Besitzers geschuldet sei. "Diesem Eigentümer ist es völlig egal, wer in seine Läden einzieht."

Das sieht Stefan Niederwörmann von der Terrania AG, die die Immobilien im Auftrag von Dr. Pulteskier verwaltet, anders. Im Telefonat mit donews bestritt er die Vorwürfe. Stattdessen ist er überzeugt, dass es der Brückstraße heute schlechter ginge, wenn sich Pulteskier dort nicht eingekauft hätte. "Die Tatsache, dass sich Gastronomie wie das "ChillR" oder die "Q-Bar" für junges kaufkräftiges Publikum mit Erfolg angesiedelt haben und dass diese auch nicht ausziehen, zeige, dass die Mietpreise nicht zu hoch angesetzt sind."

 

Aufwertungskampagne

 

Diese Baulücke wird geschlossen. 

Eine einseitige Entwicklung der Gegend, wie sie beanstandet wird,  wollte der Verein "Quartiermarketing Brückstraßenviertel" verhindern. Seit 1997 engagierten sich Eigentümer, private Investoren sowie die Stadt für die Aufwertung des ehemaligen Treffpunkts der städtischen Drogenszene. 6,8 Millionen Euro investierten der Bund, das Land NRW und die Stadt Dortmund in das Projekt. Entstehen sollte eine pulsierende Flaniermeile, die ein junges, aber gehobenes Publikum anlocken sollte. Diesem Ziel diente auch der Bau des Konzerthauses im Jahr 2002 sowie der Einsatz der Stadt für einen Mix aus Gastronomie und Einzelhandel mit differierenden Sortimenten.

Das Engagement war erfolgreich: Das Erscheinungsbild der Gegend ist mit der schmuddeligen Atmosphäre in den 90er Jahren nicht mehr vergleichbar. Doch seit Beginn dieses Jahres hat sich die Stadt finanziell aus dem Projekt zurückgezogen. Öffentliche Gelder fließen nicht mehr. Geschäftsmann Heinz Knauff vom Quartiermarketing fürchtet: "Nun könnte das zarte Pflänzchen, das wir im Viertel mühsam aufgebaut haben, wieder zertrampelt werden."

 

Drei Schwachstellen im Viertel

 

 

Die Burgtorpassage ist ein Sorgenkind
im Brückstraßen-Viertel. 

Als Sorgenkind bewertet Dreiskämper den nördlichen Teil der Brückstraße. Konkret gebe es dort drei Schwachstellen: Die Brachfläche unweit der Diskothek "Spirit", den Leerstand im angrenzenden Haus Nr. 39-43, sowie die "Burgtor-Passage". Eine dieser Schwachstellen hat die Stadt bereits in Angriff genommen: Im Bereich der bisherigen Baulücke sollen noch in diesem Jahr die Arbeiten zur Errichtung des "Orchesterzentrums NRW" beginnen. Auch das Umweltamt plant dort einzuziehen.

 

Friedhelm Cramer appelliert an die Stadt Dortmund (15s/352kb)

 

Ex-Quartiersmanager Friedhelm Cramer, beim "Quartiermarketing" bis zum vergangenen Januar Hauptverantwortlicher, skizziert eine differenzierte Prognose: Die These der Zeitung hält auch er für Ã¼berzogen, da das Problem der zunehmenden Ansiedlung von Ramsch-Läden sich nicht nur auf das Brückstraßenviertel beschränke. Gleichwohl verweist er auf die Gefahren, die dem Viertel - nun da es wieder auf sich allein gestellt sei - drohten. Sein Fazit lautet: "Die zukünftige Entwicklung hängt entscheidend davon ab, ob auf Dauer ein kaufkräftiges, junges Publikum in das Viertel gelockt wird."

 

FOTOS: Barbara Wege

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VON BARBARA WEGE

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