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Integration zwischen Cola und Kaviar

CAP-Märkte geben jedem eine Chance.

Wenn Daniel Surey (21) von seinem "leichten Handicap" spricht, schaut er etwas beschämt zu Boden. Motorische Schwierigkeiten habe er. Aber die seien schon viel besser geworden, schiebt er nach. Auf den ersten Blick fällt es auch gar nicht auf, dass Daniel die rechte Hand etwas verkrampfter hält. Doch diese leichte Beeinträchtigung war oft ausschlaggebend, dass der ge-lernte Verkäufer keinen Job fand. "Der CAP-Markt war da die Rettung", sagt er, blickt auf und strahlt.

 

Die Rettung vor der langen Arbeitslosigkeit. Einer Zeit, "in der einem die Decke auf den Kopf fällt", sagt Daniels Kollegin Nicole Glowig. Die 21-Jährige war ein dreiviertel Jahr arbeitslos gemeldet. Auch für sie, die wegen einer Hirnhaut-Entzündung im Säuglingsalter Lernschwierigkeiten hat, ist der mit 450 Quadratmetern relativ kleine Supermarkt inzwischen Lebensmittelpunkt geworden. Freiwillig schiebt sie Überstunden, arbeitet von 7 bis 19 Uhr - vor allem wenn neue Ware kommt. "Wenn Packzeit ist, ist es eben immer stressig", sagt sie, reißt den Karton mit Torten-Guss auf und steuert zielsicher das richtige Regal an. Kein Regal ist höher als kundenfreundliche 1,60 Meter.

 

"Wer sagt schon Nein?"

 

Nicole Glowig ist froh, Arbeit
gefunden zu haben. 

Junge Menschen wie Daniel und Nicole fallen immer häufiger durchs Raster auf dem Arbeitsmarkt. Beim CAP-Markt in Bottrop bekommen sie mehr als nur eine Chance auf Integration in ein "normales" Leben. Hier sind sie wer, hier sind sie eigenverantwortlich. Ihr Engagement wird geschätzt. Auch wenn Marktleiter Gerd Weber, "einiges drei, vier Mal kontrollieren muss".

 

Aber Fehler sind selten, schließlich haben die Mitarbeiter sogar einen kostenlosen achtwöchigen Crash-Kurs hinter sich. Die Agentur für Arbeit hat in diesem Punkt geholfen, genauso wie bei der Vermittlung von willigen Arbeitskräften. Nicole Glowig ist so an den Job gekommen, obwohl sie eigentlich gelernte Hauswirtschaftshelferin ist. Dass sie mitmacht, stand außer Frage: "Wer sagt schon Nein, wenn man so was angeboten bekommt?" Nicole versprüht eine schier unglaubliche Lebensfreude. Sie sieht sich endlich integriert in dieser Gesellschaft. 

 



Mehr zum Thema
34 CAP-Märkte gibt es derzeit in Deutschland. Bis zum Jahr 2016 sind 400 Märkte geplant. Das Franchisekonzept CAP (von Handicap) entwickelte die Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte in Sindelfingen (Baden-Württemberg). Muttergesellschaft des Bottroper CAP-Marktes ist die dortige Diakonie. Rund 200.000 Euro hat die Diakonie in den Aufbau des Marktes investiert. Lebensmittel-Lieferant ist die Supermarkt-Kette Edeka. Diakonie-Vorstand Pfarrer Johannes Schildmann nennt die drei Säulen des Konzeptes: "Wir wollen erstens die Nahversorgung sicherstellen, zweitens mit den Behinderten näher an die Normalität der Arbeit herangehen und drittens auch anderen Menschen, die nicht so leistungsfähig sind, auf dem 1. Arbeitsmarkt eine Chance geben." Auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers wird sich in Kürze den CAP-Markt anschauen. In Dortmund ist derzeit noch kein CAP-Markt geplant. Neben den in NRW bestehenden in Duisburg und Bottrop wird Mitte August ein weiterer in Bielefeld eröffnen. Zudem hat sich Hilden für die Errichtung eines integrativen Supermarktes angemeldet.

 

Doch viele Behinderte gucken immer noch in eine hoffnungslose Zukunft, schreiben Hunderte von Bewerbungen. Ohne Erfolg. Resignieren, verarmen, werden ausgegrenzt. "Die Arbeitslosigkeitsrate bei Behinderten ist um das Fünffache höher als bei Menschen ohne Einschränkungen", betont Arnd J. Schreiner, Geschäftsleiter der Diakonie, deren Tochter - die Bottroper Werkstätten - das Markt-Konzept adaptiert hat. Menschen, die ohne qualifizierten Abschluss die Schule verlassen müssen, würden in dieser Welt nicht mehr gebraucht werden, meint Schreiner. "Da wollen wir nicht mitmachen", bezieht er klar Position.  

 

Jeder macht alles

 

Im Leben der Grafenwälder hat der CAP-Markt bereits seinen festen Platz. Die Kunden kommen gerne, auch wegen der hilfsbereiten Mitarbeiter und dem gut sortierten Angebot. "So was hat hier einfach gefehlt", sagt Christa Keuth. Endlich muss die Seniorin keine weiten Fußwege mehr in Kauf nehmen, um Milch, Brötchen oder sogar Kaviar zu besorgen. Stammkunde Thomas Westerwinter ist selber schwer behindert und wünscht sich, dass die Gleichstellung von Behinderten selbstverständlich wird: "Das sollte eigentlich in jedem Betrieb so sein."

 

Für Daniel Surey war CAP "die Rettung".

Einen Gang weiter kümmert sich Peter Pohl (55) gerade um die Rückgabe von Getränkeflaschen. Der Pensionär arbeitet zwei Tage die Woche bei CAP. "So nebenbei als Hobby." Meistens sei er für die Auslieferung der Einkäufe an alte oder gehbehinderte Menschen zuständig, doch bei CAP mache jeder alles. Claudia Pickartz möchte Cola-Flaschen abgeben, will sich bemerkbar machen und an der Klingel am Rückgabetor schellen. Doch der Knopf ist für die Rollstuhlfahrerin zu hoch angebracht. "Das werde ich mal gleich dem Chef melden", verspricht Peter Pohl. Spezielle Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer gibt es bereits. Im CAP-Markt ist eben jeder Kunde was Besonderes - genauso wie die Mitarbeiter. 

 

FOTOS: Christoph Witte

VON CHRISTOPH WITTE

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