| Liebe per Mausklick | ||||
Es beginnt im November. Vor drei Jahren. Eine Zeit, an die sich Amelie Gronau (alle Namen geändert) nicht gerne erinnert. Ihre Freunde haben der Heimatstadt den Rücken gekehrt. Am Telefon berichten sie Amelie von Partys, neuen Bekanntschaften und flüchtigen Flirts. Für ihre Freunde freut sich Amelie, aber sie selbst fühlt nur eins: Einsamkeit. Draußen wird es kälter, drinnen auch.
Durch Zufall stößt sie im Internet auf eine Single-Börse. "Ich fand die Vorstellung spannend, jemand per Mausklick kennen zu lernen", erinnert sich die Dortmunder Studentin. Kennenlernen heißt für Amelie Freundschaft. Die Punkte "erotisches Abenteuer" und "Beziehung" schließt sie von vornherein aus. Es wirkt ein bisschen wie im Supermarkt: "Man hat eben die Auswahl, kann sich entscheiden." Anders als im Tante Emma-Markt um die Ecke, können hier aber schon mal Äpfel statt Birnen in die Einkaufstüte wandern. Ein Beispiel: Auf der Suche nach einer 20 bis 30-jährigen Frau aus Berlin, erhielt ein Tester als Suchergebnis eine 40-jährige Herzdame aus München.
Zurück zu Amelie. Sie verschickt drei Mails. Einer antwortet sofort. Sie aber nicht mehr. Einer meldet sich erst gar nicht. Und dann ist da noch Stephan. Nach einer Woche ist eine Mail von ihm im Posteingang. Auch wenn sie dem Passfoto wenig abgewinnen kann, ist sie fasziniert. "Stephan hat so wunderbar ironisch geschrieben", erinnert sich Amelie.
Am Anfang steht das Wort
Diese Ironie nennt Stephan "niveauvolles Flirten": "Es ist nicht leicht, Komplimente per Mail zu machen, ohne dass sie platt wirken." Wenn der 23-jährige Dortmunder das sagt, klingt er überzeugend. Wie jemand, der sich auskennt. Mit 17 ist er zum ersten Mal drin, im Chatroom der Singlebörse. "Es hat mich interessiert Leute kennen zu lernen, die ich eigentlich gar nicht kenne." Ein Kontrast, der für Stephan nur auf den ersten Blick existiert. "Wenn ich mit einem Mädchen chatte, dann weiß ich danach mehr von ihr, als wenn ich sie nur sehe. Ich finde das ehrlicher, nicht so oberflächlich", erklärt er. Am Anfang einer Beziehung steht also doch das (geschriebene) Wort.
So wie Amelie und Stephan geht es rund fünf Millionen Internetnutzern, die bei Partnervermittlungen registiert sind. Stiftung Warentest hat jetzt 16 Singlebörsen genauer unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Nur zwei erhielten die Note "gut". Und das liegt zum Beispiel daran, dass nur zwei von neunzehn Test-Singles wirklich einen Partner gefunden haben. Außerdem werde auf den Datenschutz zu wenig wert gelegt. Klauseln, die nicht erlaubt seien und den Verbraucher benachteiligten, benutzten alle Börsen, so Stiftung Warentest. Neben den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, haben die Tester die Internetnutzung der Börsen sowie die Vertragsabwicklung und die Passgenauigkeit der Partnerangebote beurteilt. Testsieger wurden Match.com und Yahoo! Dating.
Der erste Eindruck überraschte
Doch anmelden und mailen reichen für die erfolgreiche Partnersuche nicht aus. Ein bisschen Mut gehört auch dazu. Stephan hat ihn und will mehr: "Ruf doch mal an." Amelie greift sofort zum Hörer. "Ich habe gedacht, wenn ich jetzt nicht anrufe, dann traue ich mich gar nicht mehr", erzählt sie. Stephan kennt die Problematik des Telefonierens: "Auf einmal ist da eine Stimme. Das ist unmittelbarer als im Chat oder in 'ner Mail." Die Sätze nehmen plötzlich Gestalt an, werden immer mehr zu einer realen Person. "Das macht einen gehemmter", sagt der Student.
Amelie und Stephan reden fast drei Stunden. "Wenn es ein gutes Gespräch ist, erzähle ich viel von mir", erklärt Amelie, die kurz zuvor ihren Großvater verloren hat. Das weiß Stephan nach dem Gespräch auch. Der Übergang vom Schreiben zum Reden funktioniert nicht immer. "Mit einem Mädchen konnte ich im Chat supergut reden, aber als wir telefoniert haben, hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen", erinnert sich Stephan.
Nach zwei Monaten sehen sich Amelie und Stephan zum ersten Mal. "Ich habe darauf geachtet, dass wir uns tagsüber in der Stadt treffen. Zu ihm nach Hause wäre ich nicht gegangen", sagt Amelie. Als sie Stephan zum ersten Mal sieht, ist die Dortmunderin überrascht. "Er sah gar nicht aus wie auf dem Foto", erinnert sich sie. Anders. Besser. Sie vermeidet es, Stephan anzuschauen. "Solange ich ihn nicht angucken musste, war's für mich wie telefonieren", sagt Amelie.
Eine Beziehung folgt
Aber das Reden klappt auch so, ohne Tastatur und Telefonhörer. Sie verabschieden sich mit einer Umarmung. So, wie es sich für Freunde eben gehört. Als Stephan für zehn Tage in den Urlaub fährt, merken beide, dass es doch mehr ist. Am elften Tag sehen sich Amelie und Stephan wieder. Nach einem Videoabend, küssen sie sich zum ersten Mal. Eine zweieinhalbjährige Beziehung folgt. "Im Chat habe ich einige Frauen kennen gelernt, vorher hat sich daraus nie eine Beziehung entwickelt", erzählt Stephan.
Irgendwann ändert sich alles: die Beziehung, die Gespräche. Es wird wieder kälter. "Ich glaube, dass das Verliebtsein aufgehört hat", erklärt Amelie. Das war im September.
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VON MELINA A. ULBRICH UND DANIEL GONZALES |
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