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Deutschlandreise (3) - Ein Sommermärchen

Acht deutsche Könige und Kaiser liegen im Speyrer Dom begraben.

Es gibt Ecken in Deutschland, die sind so deutsch, da kommt es auf die WM auch nicht mehr an. Speyer hat so eine Ecke, und konsequenterweise ist von der Fußball-Euphorie hier weniger zu spüren als anderswo.

 

Stände mit Schwarz-rot-goldenen Badelatschen sucht man in der 50.000-Einwohner-Stadt im Dreieck zwischen Rhein und Neckar vergebens. Obwohl es die acht im Speyerer Dom begrabenen deutschen Könige und Kaiser vielleicht sogar ganz amüsant gefunden hätten, wenn ihr Volk mit solchem Schuhwerk ihre Triumphstraße vor dem Dom hinaufgeschlendert wäre.

 

Doch das Volk setzt sich in der Gluthitze lieber ins italienische Eiscafé. Das heißt in Speyer nicht "Roma" oder "Capri", sondern Café Hindenburg. Direkt davor steht ein Brunnen, 1930 erbaut, auf dem eifrig für Deutschland gestorben und an Kameraden erinnert wird, auf dem per Inschrift deutsche Frauen und deutsche Treue gepriesen werden.

 

Von Speyer...

 

Italienisches Eis... im Cafe Hindenburg.

Eine kleine Tafel hat die Stadt Speyer noch dazugesetzt, auf der etwas von "Zeitgeist" des braunen Nationalismus steht und daran erinnert wird, dass die Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewalt anderswo in Speyer steht. Die deutschen Ecken, sie sind selten einfach. Obwohl die jeweils neuen Bischöfe vor hunderten Jahren hier einen guten PR-Trick hatten, um das deutsche Volk geeint wie selten auf ihre Seite zu bringen. Den "Domnapf" nämlich. Vor dem gewaltigen Kirchenbau steht noch heute eine Art überdimensionierte Sektschale. Die füllten die Bischöfe mit mehr als 1000 Litern Wein - und hatten den Applaus derer, die im Gedränge nicht er- sondern betrunken waren, sicher.

 

...über Walldorf...

 

Deutsche Ecken, deutsche Probleme und deutscher Wein in solchen Dimensionen sind Walldorf eher fremd. Die kleine Stadt jenseits der Autobahn, jenseits des verlassen in der Sonne brütenden Hockenheimrings, kann sich mangels deutscher Ecken auf die wiederentdeckte Tugend der Gastfreundschaft konzentrieren - "Costa Rica zu Gast in Walldorf" steht auf Bannern und Schildern am Stadteingang, der Ort beherbergt die Spieler Costa Ricas und auch viele Fans.

 

In Walldorf, da sind die Costa Ricaner.

Und im "Sportrestaurant Astoria" direkt neben dem Fußballplatz mit leuchtend grünem Rasen haben sie sich schon längst an die neuen Freunde gewöhnt. Klar, "Costa Ricaner" heißen die Leute aus Costa Rica, weiß die Kellnerin, und unter dem Fernseher im Dauereinsatz grüßt die italienische Flagge des Chefs mit einem freundlichen "Benvenuto". "Von den Spielern hat man nicht so viel gesehen", sagt die Kellnerin weiter, "aber die haben ihre U17-Mannschaft mitgebracht, die waren richtig oft hier." Mittlerweile ist die Mannschaft offenbar abgereist, und der einzige Gast im Trikot trägt ein französisches, aber ein bißchen Costa Rica wird wohl bleiben, hier in Walldorf.

 

...und Blaubeuren...

 

Weiter im Süden brüten in Blaubeuren, auf der Strecke zwischen Tübingen und Ulm durch die Schwäbische Alb, schon etwa fünfzig Fans mit Fahnen vor der Großbildleinwand, die erst noch aufgebaut wird. Es ist der Tag des Achtelfinales, und nur Senioren-Touristengruppen haben noch die Nerven, in Muße um die Sehenswürdigkeit des Ortes, den Blautopf, zu spazieren. Dabei strömt aus dieser 21 Meter tiefen, bläulich schimmernden Quelle kaltes, klares Wasser, das wäre vielleicht auch etwas für die Schwitzenden auf der Tribüne gewesen.

 

...nach Ulm

 

Süddeutsches Dorfidyll: Der
Blautopf in Blaubeuren.

In Ulm schließlich üben rechtzeitig vor dem Anpfiff Tausende auf dem Münsterplatz das "Schweden-Lied" nach der Pippi-Langstrumpf-Melodie: "Ihr fahrt nach Haus, denn die WM ist aus, wir wünschen gute Fahrt, schön dass ihr nur so kurz da wart...". Für manche ist Schwarz-rot-gold mittlerweile hier die einzige Bekleidung und Sonnenschutz gleichzeitig, und als Poldi das Runde zum ersten Mal ins Eckige tritt, da reißen sie die Fahnen hoch, möglichst bis zur Spitze des weltgrößten Münster-Kirchturms, der leider keinen Schatten spendet.

 

Abpfiff und Fahnenmeer in Ulm: Euphorie vor Deutschlands höchstem Kirchturm (760Kb, 22s)

 

Und dann ist das Spiel aus, und so richtig hat eigentlich niemand verstanden, dass Deutschland bereits in der K.O.-Runde ist, so selbstverständlich, von vornherein klar war hier der Sieg. Und dann singen sie alle nochmal das Schweden-Lied, ohne Häme, aber euphorisch, fast im Rausch. Deutschland, ein Sommermärchen.

 

FOTOS/VIDEOS: Sönke Klug

VON SÖNKE KLUG

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