Die Dortmunder Innenstadt während der WM: Ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold. Fahnen, Trikots, Gesichtsbemalung - der "neue Patriotismus" hat auch die Revier-Metropole im Griff. Von den Häusern, im Fahrtwind der Autos, über den Rücken der Fans flattert es in den Landesfarben. Die Fußball-Anhänger stimmen im Chor an: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!" Trikot-Träger und Fahnen-Schwenker erheben sich - unter ihnen auch Fans, die bei einer WM-Teilnahme der Türkei oder Marokkos wohl nicht ganz so inbrünstig mitsingen würden.
"Wenn unsere Mannschaft dabei gewesen wäre, würde ich schon in einen Konflikt kommen", sagt Zakaria (30). In der Menge der deutschen Fans auf dem Westenhellweg fällt er auf - seine Haut, seine Haare, seine Augen sind dunkler. Er wurde in Casablanca geboren und hat einen marokkanischen Pass. Vor vier Jahren verließ er seine Heimat und kam nach Dortmund. Jetzt hat er sich die deutschen Farben auf den Oberarm gemalt und ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen vor der Brust: "Ich lebe in Deutschland, ich lebe mit Deutschen, ich liebe Deutschland - von meinen Gedanken und Gefühlen her bin ich Deutscher", erklärt er und umarmt seine deutsche Frau.
Gänsehaut bei der deutschen Nationalhymne
Er findet es toll, dass sich immer mehr Migranten offen zu Deutschland bekennen und auch, dass die Deutschen mit ihrem Patriotismus nun lockerer umgehen: "Wir sollten die Vergangenheit vergessen - diese Leute sind nicht schuldig. Wir sind alles Menschen und gehören zusammen." Wenn manche Deutsche beim kollektiven Singen der Nationalhymne auf dem Alten Markt, dem Friedensplatz oder in der U-Bahn eher durch die negativen Assoziationen eine Gänsehaut bekommen, dann ist es bei Zakaria genau anders herum: "Ich liebe diese Melodie."
Zakaria passt genau in das Bild, dass Peter Biesenbach von Nordrhein-Westfalen hat: "NRW hat eine lange und große Integrationstradition und ist für unzählige Menschen unterschiedlicher Herkunft zur Heimat geworden", sagt der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion.
Bei den Deutschen sei die Vergangenheit eindeutig der Grund dafür, warum viele einen schwierigen Zugang zu Patriotismus hätten. Seiner Meinung nach ist sie jedoch nicht Last, sondern Auftrag für die Zukunft - man dürfe sie daher nicht vergessen. Biesenbach freut sich über die aktuelle Entwicklung: "Gesunder Patriotismus - das ist meines Erachtens der richtige Weg. Wir brauchen in unserer Gesellschaft einen Klimawandel", fordert er.
"Warum bin ich nur hierher gekommen?"
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Die Welt zu Gast bei Patrioten? Deutschland im schwarz-rot-goldenen Rausch. |
Doch nicht alle lassen sich von der schwarz-rot-goldenen Begeisterung anstecken: Hassen (27) kam vor drei Jahren aus Tunesien nach Deutschland. "Manchmal fühle ich mich wie zu Hause und manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt hierher gekommen bin", sagt er nachdenklich. Einen dieser Augenblicke des Zweifelns erlebte er beim WM-Eröffnungsspiel auf dem Friedensplatz: Mit einem tunesischen Freund feierte er mit der Fahne seines Heimatlandes in den Händen. "Dann tauchten zwei Glatzen mit Nazi-Tattoos auf und wollten, dass wir die wieder einpacken", beschreibt er diese angespannte Situation, in der Security-Mitarbeiter einschreiten mussten. Hassen hat jedoch den Eindruck, dass die Deutschen allgemein gastfreundlich sind. Er bleibt allerdings lieber bei seinen Farben: "Als Dortmunder fühle ich mich schon, als Deutscher nicht - noch nicht."
Dieses Phänomen ist Nikolai Schaefer bekannt: "Viele Migranten eiern da rum, wissen nicht ganz, wohin sie gehören." Er ist Lehrer an der Anne-Frank-Gesamtschule, gelegen in der Dortmunder Nordstadt, und leitet Projekte mit Migranten. Bei rund 80 Prozent seiner Schüler ist Deutsch nicht die Herkunftssprache. Er hat beobachtet, dass sich immer mehr der Schüler wenn schon nicht zu Deutschland, dann aber zu Dortmund bekennen, und erzählt aus seiner Erinnerung: "Ein Schüler zog für einige Jahre aus Dortmund weg. Als er dann wieder in die Stadt kam und das U der Dortmunder Union-Brauerei sah, musste er weinen." Besonders die zweite und dritte Generation habe hier Wurzeln geschlagen: "In ihren inneren Konflikten gibt ihnen so ein fester Ort Schutz, sie verlassen sich darauf, sind froh, irgendein zu Hause zu haben." Dieses Verlangen könnte dann auch zu einem stärkeren Bekenntnis zu Deutschland führen.
"Wir müssen zu Deutschland stehen"
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"Steht auf, wenn ihr Deutsche seid" - dieses Lied stimmen die Fans immer öfter an. |
Metins Vater kam vor 30 Jahren aus der Türkei nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Der 23-Jährige wurde in Dortmund geboren und fühlt sich hier wohl. Seiner Meinung nach sollten sich alle Migranten - besonders die der Folge-Generationen - zu Deutschland bekennen: "Wir leben hier, wir gehen hier zur Schule, wir verdienen hier unser Geld - da müssen wir auch zu Deutschland stehen", sagt er.
Und gleiches gelte auch für die Deutschen, sie sollten einen Neuanfang machen: "Generationen sind seit dem Krieg vergangen, wir sollten uns davon befreien - es wird Zeit." Zur WM hat er sich extra mit Schwarz-Rot-Gold ausgestattet: Trikot, Schirm-Mütze, Fahne - das volle Programm. Während des Eröffnungsspiels stand er auf dem Friedensplatz. Dann stimmten die Fans das Lied an: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!" Metin überlegte nicht lange - auch er stand auf.
FOTOS: Simon Bückle