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Anders denken, anders handeln

Flucht aus dem Alltag - Lieder aus Anatolien.

(InDOpendent) Schriftsteller, Schauspieler, Studenten - im "Taranta Babu" trifft man sie alle.  Das Literaturcafé lädt zu multikulturellen Gesprächen in orientalischer Atmosphäre ein. Hatun Citkin hat die Szene-Kneipe besucht.

 

Es ist zehn Uhr. Hasan ist bereits seit zwei Stunden im "Taranta Babu", einem Caféhaus im Dortmunder Klinikviertel. Er hat die Holztische abgewischt, neue Zeitungen geholt und den schwarzen Tee gekocht, den seine Gäste so gerne trinken. Alles ist vorbereitet. Wie immer steht Hasan hinter der kleinen Theke, deren Vorderseite orange und deren Rückseite schwarz gestrichen ist. Mit der linken Hand streichelt er sich seinen grauen Bart. In der rechten hält er ein Glas Tee. Er blickt nachdenklich. Im Hintergrund läuft Volksmusik. Keine deutsche, sondern Lieder aus Anatolien. Hasan lauscht den Klängen des dort typischen Instrumentes Saz. "Unsere Vorfahren haben ihre Gefühle am schönsten durch diese Lieder ausgedrückt", sagt er.

 

Er blickt zur Holztür herüber, durch die Murat das Lokal betritt. Ein Stammgast in Hasans Lokal. Murat, 40 Jahre alt, setzt sich an die Theke auf einen Hocker und fragt, was es denn "so Neues" gibt. Als ob Hasan schon auf diese Frage gewartet hätte, antwortet er: "Einmal kostenlos hin und zurück, Kollege." Die Volksmusik wecke Fernweh in ihm, sagt er. Da er sein Café nicht ohne weiteres verlassen könne, verreise er mit Hilfe der Musik wenigstens in Gedanken. Zu seinen Eltern und Freunden nach Istanbul oder in die kurdischen Gebiete der Türkei, seine alte Heimat. "Die Musik ist der beste Weg, um den Alltag hinter sich zu lassen", sagt er.

 

Schachspiel zwischendurch

 

Das Café, in dem sechs kleine Tische und einige alte Holzstühle stehen, ist um die Mittagszeit noch leer. Doch an einem Tisch in einer orientalisch eingerichteten Ecke sitzen zwei junge Frauen. Sie spielen Schach. Havva hat gerade einen Springer von Sascha geschlagen. Die 25-jährige Russin denkt darüber nach, wie sie verhindern kann, dass ihre gleichaltrige kurdische Freundin gewinnt. Sie nimmt einen Bauern und schiebt ihn einen Schritt weiter auf ein dunkles Feld, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und plaudert mit Konrad, der die Partie aufmerksam verfolgt. Der einzige Deutsche im Raum ist davon überzeugt, dass Sascha verlieren wird.

 

Ob der Zug richtig ist?

"Strategischer Selbstmord", kommentiert der Mathematiker Saschas Zug. "Wieso Selbstmord?", fragt diese empört. Konrad lächelt nur. Für ihn ist das Spiel bereits entschieden. Der Mann mit den kurzen grauen Haaren und dem Vollbart mischt sich gerne ein, wenn Gäste im "Taranta Babu" Schach spielen. Ob er die Leute kennt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Als erfahrener Schachmeister kann er sich einfach nicht zurückhalten.

 

Café mit politischen Hintergrund

 

Ein Forum für Andersdenkende sollte das "Taranta Babu" sein, so die Idee von Hasan und den anderen Migranten, die das Lokal und die angrenzende Buchhandlung vor 25 Jahren gründeten. "Hier wurde der erste Ausländerverein in Deutschland gegründet", sagt der 60-jährige Kurde aus der Türkei und dreht sich eine Zigarette. "Unser Ziel war es, anders zu denken, anders zu handeln und anders zu arbeiten." Aus diesem Grund finden in dem kleinen Lokal regelmäßig Lesungen, Ausstellungen, Diskussionsrunden und Konzerte mit internationalen Künstlern statt - so auch an diesem Abend eine Lesung spanischer Texte.

 

Gustavo, der die Lesungen organisiert, musste vor 21 Jahren aus Chile vor Pinochets Regime fliehen. Der pensionierte Kostümbildner stellt die Tische um, damit es mehr Plätze für die Zuhörer gibt. Er schiebt sich seine Brille zurecht, lächelt und trinkt ein Glas Rotwein. Aufgeregt ist er nicht, denn solche Lesungen finden im "Taranta Babu" jede Woche statt.

 

Gespräche beim Pfefferminztee

 

Immer mehr Leute sammeln sich im Café. Langsam füllt sich der Raum, die Plätze werden knapp. Durch die Luft schwirren graue Rauchschwaden und die Stimmen der Gäste. Einige von ihnen stehen an der Theke und bestellen sich frischen Pfefferminztee - die Spezialität des Hauses.

 

Für Havva, Sascha, Konrad und Murat ist die Lesung nicht interessant, weil sie auf Spanisch gehalten wird. Sie haben sich nun alle zu Hasan an die Theke gesetzt und unterhalten sich über die Geschichte des Lokals.

 

Ein Hauch von 1001 Nacht.   

Hasan ist leicht genervt, wenn er mal wieder erklären muss, was der Name bedeutet: "Taranta Babu ist der Name einer ermordeten Widerstandskämpferin aus Äthiopien. Der türkische Dichter Nazim Hikmet hat ein Buch mit Briefen an sie geschrieben. Zum Andenken an beide habe ich dem Café und dem Buchladen diesen Namen gegeben."

 

Diskussion nach der Lesung

 

Nach zwei Stunden ist die spanische Lesung beendet. Einige Leute sitzen noch an den Tischen und unterhalten sich; wie immer in verschiedenen Sprachen. Ob Deutsch oder Türkisch - Hasan versucht wie immer Brücken zu bauen und unterhält sich mit seinen Gästen in beiden Sprachen. Auf Aussehen, Religion oder Nationalität kommt es ihm nicht an. "Herz muss man haben", sagt er, "Gewissen und Verstand".

 

Es ist schon spät. Das Schachbrett liegt verlassen auf dem Tisch. Die deutschen Gäste sind gegangen. Nur einige Türken und Kurden wollen noch diskutieren. Zu interessant ist ihr Gespräch, sie haben noch viel zu klären. Für die Leute im "Taranta Babu" eine ganz normale Nacht.

 

FOTOS: Christine Schulz, Klaus Müller, Hatun Citkin

 

 Mehr zum Thema 

  Die Internetseite des "Taranta Babu"  

 


VON HATUN CITKIN

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