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Autoren, gut gekühlt, nur ein Euro

Neben Gummibärchen und Schokoriegeln stehen die Bestseller.

(eldoradio) Auf der einen Seite lauert eine ganze Armada saurer Gummiwürmchen, auf der anderen schillern die schwarzen Pranken der Katzenpfötchen. Eingezwängt in Metallspiralen warten junge Literaten in Süßwarenautomaten deutscher Bahnhöfe auf Erlösung. Auch am Dortmunder Hauptbahnhof hat der kleine Berliner Verlag Sukultur seine Autoren der süßen Hölle ausgesetzt.

 

Oben Geld einwerfen, ein paar Knöpfchen drücken, und schon kommt unten der gewünschte Bestseller heraus. Manchmal scheint es, als funktioniere genau so die Literatur-Maschinerie einiger großer Verlage. Das laute Klingeln der Kassen übertönt nur zu oft die Stimmen der Literaten, die sich nicht zwischen quietschbunte Buchdeckel pressen lassen. Während hinter Mrs. Rowling und Consorten ein ganzer Tross von Marketing-Strategen steht, stecken hinter den kleinen gelben Heftchen von Sukultur eine gute Idee und drei Köpfe aus Berlin.

 

Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu - sie sind das junge Herausgebertrio des Berliner Verlages Sukultur. "Auf die Idee, unsere Autoren in Süßwarenautomaten zu präsentieren, kamen wir, als wir in Berlin auf dem Bahnhofsgleis standen," erinnert sich Frank Maleu. "Wir waren erstaunt, wie viele Menschen am Bahnhof lesen." Ein idealer Ort, um die Wartenden mit ein paar Autoren des Verlags bekannt zu machen. Bisher hatten die Herausgeber vor allem alternative Vetriebswege gewählt wie Comicshops und Plattenläden. Da lag es nahe, auch am Bahnhof einen Bogen um die Bahnhofsbuchhandlung zu machen.

 

Unkonventionelle Ideen für unkonventionelle Bücher

 

Angefangen mit einem Fanzine für Punker Mitte der Neunziger und mit Berliner Untergrund-Literaten, bauten die drei Herausgeber einen Verlag auf, der zwölf Jahre später ein erstaunliches Programm hat: Lyrik, Kurzgeschichten, wissenschaftliche Abhandlungen, Tonträger und Comics. Autoren wie Dietmar Dath, der ehemalige Chefredakteur der Musikzeitschrift Spex, schreiben für den Verlag.

 

Frank Maleu über die Autorenauswahl des Verlags (25s/504KB)

 

 

 Literatur für die Bahn direkt am Gleis.

Wie viele Kleinverlage haben es aber auch die drei Berliner Verleger schwer in der großen weiten Welt der Bücher: Unkonventionelle Literatur hat wenig Leser, kleine Auflagen bringen wenig Geld. Doch trotz mancher wirtschaftlicher Engpässe haben sich in den vergangenen Jahren über 190 Kleinverlage neu gegründet. Darunter so bekannte Namen wie Blumenbar, Liebeskind und Kookbooks. Die Liebe der Verleger zum Büchermachen ist eben größer als die Angst vor den roten Zahlen. Mit viel Sorgfalt und einem guten Auge für Zeitgeistliteratur bringen sie Bücher auf den Markt, die bei den Verlagsriesen kaum eine Überlebenschancen hätten. Gerade deshalb brauchen die kleinen Verlage jedoch unkonventionelle Ideen, um aufzufallen und nicht das tausendste Buch unter Büchern zu sein.

 

Leicht beseitete Literaten

 

Welch ein glücklicher Zufall, dass Mitherausgeber Frank Maleu über einer Firma wohhnte, die in Berlin Süßigkeitenautomaten aufstellte. Eins kam zum anderen, und die ersten gelben Exemplare der Sukultur-Leseheftreihe "Schöner Lesen" kamen in einen Automaten. "Zuerst noch provisorisch", erzählt Frank Maleu. Nämlich tief unter den Straßen Berlins im Keller der Süßwarenaufsteller. "Das Problem war, dass die Automaten gekühlt sind. Wir waren nicht sicher, ob die Papiersorten der Hefte die Kälte aushalten, Wellen schlagen, oder sogar an der Scheibe kleben bleiben". Doch nichts dergleichen passierte. Die leicht beseiteten Literaten hielten der Kälte stand. Im Dezember 2003 servierte Sukultur zuerst in Berlin, später auch in Hamburg, Düsseldorf, Duisburg und nun in Dortmund die gekühlten Autoren für einen Euro aus dem Süßwarenautomaten.

 

Bald lernten die Schriftsteller die harten Gesetze des Süßwarenmarktes kennen. "Wir hatten am Anfang immer die Vorgabe, ihr dürft nicht das schlechteste Produkt sein", erzählt Frank Maleu. "Sonst hätte uns ein anderes Produkt verdrängt, und die Firma hätte uns aus dem Sortiment genommen." Doch die jungen Autoren konnten sich im Konkurrenzkampf gegen Zwiebelringe und Gummibärchen behaupten. Jetzt ist Sukultur schon bei Leseheftnummer 55. Und für die Zukunft hat der Verlag noch Großes vor.

 

Neongelbe Zukunftpläne (22s/438KB)

 

FOTOS: Laura-Fabienne Schneider-Mombaur

VON LAURA-FABIENNE SCHNEIDER-MOMBAUR

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