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Deutschlandreise (5) - "Die WM hat gut getan"

Euphorie auf norddeutsch: Wer kein Auto hat, fährt Fahrradcorso.

"Die WM hat Deutschland gut getan", sagt Dr. Gregor Rüdiger (35), und das schon kurz vor dem Seelenbalsam aus dem Spiel gegen Portugal. "Es ist schön, dass man jetzt so einen Patriotismus entwickeln darf." Darf, sagt er.

Und, weniger ernst: "Vorher wäre ich nie mit einer Deutschland-Badehose auf Mallorca herumgelaufen." Das wird er wohl auch künftig nicht, dafür fehlt dem Hannoveraner Zahnarzt der Bierbauch und er ist auch zu wenig tätowiert. Aber vielleicht sind das alte Reflexe, die nicht mehr gelten.

 

Schon seit dem nervenaufreibenden Sieg gegen Argentinien scheinen die Deutschen vor allem über sich selbst zu staunen. Mehr noch als in den exotischen Schmelztigeln rund um die Stadien staunen sie, wo sich sonst eher wenig tut - in der Provinz.

 

Deutschland-Barometer

 

Varel ist eine Kleinstadt am Jadebusen, eine Fahrradviertelstunde vom Meer entfernt, sie hat einen Kreisverkehr und einen Bahnhof mit drei Gleisen, von denen zwei benutzt werden. Und sie ist ungeeignet für einen Autocorso. Was hunderte Fans nach dem Elfmeterschießen gegen Argentinien nicht hindert, laut hupend Richtung Innenstadt zu fahren, wie in Dortmund, wie in München, wie in Berlin, wie im Fernsehen.

 

 

 

 Fahne und Hymne als Centerfold druckte
 die in Oldenburg, Niedersachsen er-
 scheinende Nordwest-Zeitung.

Innerhalb von Minuten sind die fünf, sechs schmalen Straßen verstopft, Autocorso im Schrittempo. An der T-Kreuzung vor "Willi's Fahrradladen" ist die Ampel schon abgeschaltet. Aus Schiebedächern schwenken sonst eher zurückhaltende Norddeutsche riesige Flaggen, darunter eine mit DDR-Emblem, Hauptsache Schwarzrotgold, könnte man vermuten. Im Hupenlärm treffen sich Bekannte, die mit ihren Autos im Corso in beiden Richtungen die Straße entlangkriechen, sie klatschen sich ab, dann noch einer, eine ganze Straße streckt die Hände aus den Autofenstern. Jungs, die zu jung sind zum Autofahren, haben den Fahrradcorso entdeckt, klingeln sich die Daumen wund und skandieren "Berlin, Berlin".

 

Das passiert hier nicht oft. Nicht einmal im Jahr, nicht in fünf, nicht in zehn Jahren. Eigentlich ist das hier noch nie passiert. Die Provinz, das Deutschland-Barometer.

 

Unterwegs - wohin?

 

Tags drauf im Regionalexpress nach Hannover. Einige Reihen weiter studiert eine Kleinfamilie den Spielplan. "Ich bin Deutschland", verkündet ein fünfjähriger Knirps krähend. Dann, zweifelnd: "Gewinnt Deutschland?" Mama weiß es nicht: "Kann sein, aber Italien ist stark." Der Knirps macht das einzig Richtige: "Kann man auch zwei Länder sein?" Hoffentlich hat er sich Italien ausgesucht. Und doch, es geht nicht nur um Fußball in diesem Zug, und da wird deutlich, was sich nicht geändert hat in Deutschland, was durchs Flaggeschwenken nicht weggeht. Eine junge Auszubildende redet auf ihren Freund ein, der ein Lippenpiercing und ein Kamerun-T-Shirt trägt: "Ich will das zuende machen, dass ich was in der Tasche hab", nicht so wie ihre nicht anwesende Freundin, "ohne Abschluss und nix, ich will nicht dem Kind nur Hartz IV-Geld in den Arsch schieben. Ich will dem Kind was bieten." Fußball ist da weit weg.

 

 

 

 In diesem Hörsaal ist Kicken für
 einen Abend wichtiger als Karies.

Stolz und Normalität

 

So weit weg vielleicht doch nicht. Von einem Aufschwunggefühl ist die Rede, "was bieten können" kann man getrost dazu zählen. "Die Deutschen haben sich mehr zusammengetan, das ist gerade in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten so wichtig", sagt Dr. Rüdiger eine Woche später an seinem Arbeitsplatz in der Medizinischen Hochschule in Hannover, Minuten vor dem Anpfiff im Spiel gegen Portugal. Die Zahnmediziner, Ärzte und Studenten, gucken im Hörsaal. Vorne steht noch der Behandlungsstuhl, wo tagsüber auf den Zahn gefühlt wird. Nur wer Notdienst hat trägt das hier übliche Weiß, die meisten anderen Weiß-Schwarz. Paradox: ein hochrangiges Spiel, erstmals gibt es gesponsortes Freibier, das letzte Spiel der deutschen Mannschaft - und doch sind nur etwa ein Drittel der sonst hier auflaufenden 100 Studenten gekommen. Auch die Fahnen sind weniger geworden, aber sie sind da, wo vorher keine gewesen wären.

 

"Klar, das schwächt sich ab", sagt auch Dr. Rüdiger, der keinen Notdienst hat und deshalb einen schwarz-rot-goldenen Plastikblütenkranz um den Hals trägt. "Nach der WM läuft keiner mehr mit diesen Kränzen rum, aber vielleicht stellt sich der eine oder andere eine Fahne in den Vorgarten." Eines scheint schon jetzt klar, Deutschland hat Berührungsängste verloren, in erstaunlich kurzer Zeit. Das gilt offenbar auch für Tabu-Wörter. "Ich war schon immer stolz , ein Deutscher zu sein", sagt Dr. Rüdiger, "und ich bin froh, dass so ein Satz heute nicht automatisch den Geschmack des rechten Randes mit sich bringt. Es ist natürlich ein Unterschied, ob einer sagt 'Ich bin stolz' oder", er steht stramm und lässt die Stimme schnarren, "'ICH BIN STOLZ'. Ich würde auch nicht ins Ausland fahren und jedem erzählen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein. Aber ich würde mich auch nicht verstecken." Nicht geändert hat sich, dass für solche Sätze solche Erklärungen nötig sind, und das ist wahrscheinlich gut so. Aber dazugekommen ist eine Leichtigkeit, in der es humorigen Abstand und Identifikation gleichzeitig geben kann. Ob Dr. Rüdiger nun wirklich mit einer Deutschland-Badehose nach Mallorca fährt - das ist dann gar nicht mehr so wichtig.

 

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VON SÖNKE KLUG

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