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Känguru-Gulasch, Biobrötchen und Käfer

Käse für die WM: Unternehmerin Anette Wellie

Nicht selten legen Lebensmittel hunderte Kilometer im Lastwagen zurück, bevor sie beim Verbraucher auf dem Teller landen. Ökologischer Unsinn, meinen die landwirtschaftlichen Erzeuger aus dem östlichen Ruhrgebiet, die der Initiative "landaktiv" angehören. Ob Salat, Fleisch, Wurst, Käse oder Saft - sie bieten frische Waren aus eigener Produktion für den heimischen Markt an. Warum also nicht auch die Fußballfans bei der WM beköstigen?

 

Eine tolle Idee, findet der Dortmunder Arbeitskreis "Green Goal", seit einem Jahr zuständig für den umweltfreundlichen WM-Ablauf in der Westfalenmetropole. So kredenzten einige Obstbauern, Biobäcker, Metzger und Käsemeister von "landaktiv" in der Bürgerhalle des Rathauses ein hochwertiges westfälisches Spezialitäten-Buffet, das es so auch in den Gästeräumen und VIP-Lounges während der Weltmeisterschaft im Westfalenstadion geben könnte. Was die Gaumen der 50 geladenen Gäste aus regionaler Wirtschaft und Politik beim Test-Essen erfreute, dürfte auch den Fußballfans aus aller Welt vorzüglich munden.

 

Zum Beispiel das neu kreierte Forellenkonfekt von Frank Baumüller. Der Wickeder Züchter steckt die filetierten und heiß geräucherten Forellen aus seinen drei Teichen am Strullbach in kleinen Stücken auf einen Holzspieß. Fertig ist das Fingerfood. "Und es schmeckt gar nicht nach Fisch", erläutert Baumüller das Besondere an seinem Produkt. Dazu reicht er einen selbstgemachten Dip, das Rezept bleibt natürlich ein Geheimnis.

 

Salat aus dem Glas

 

Wenn im Sommer 2006 die Zuschauer auf der VIP-Tribüne die Vorrundenspiele verfolgen, genießen sie vielleicht Salat im Glas. So stellt es sich jedenfalls Jörg Blankenstein vom Partyservice aus Bergkamen vor. Hauchdünn geraspelter Goudakäse toupiert bissfestes Kohlgemüse und würzige Mini-Frikadellen, beträufelt mit einem kernigen Dressing aus Rübenkraut und Rapsöl. "Die Leute wollen nicht nur stur am Tisch sitzen und essen", sagt Caterer Blankenstein, "sie wollen mit den Speisen auf Wanderschaft gehen." Also füllt er seinen Salat in gläserne Trinkgefäße, breit genug, um den köstlichen Inhalt mit einer Gabel aufzunehmen.

 

Dass die Zuschauer im Stadion nicht nur auf Currywurst und Pommes stehen, hat Annette Wellie schon öfter beobachten können. Sie ist Chefin der Hofkäserei in Fröndenberg-Warmen. Ihr Betrieb stellte für Bourssia Dortmund bereits den BVB-Käse her, die Rinde trug das schwarz-gelbe Vereinsenblem. Ein kulinarischer Werbegag, der in der VIP-Lounge gut angekommen sei, meint Annette Wellie. Alle 30 Sorten wie der Nuss- und Pfefferkäse oder der "Hellweger" genannte Gouda produzieren die Wellies aus der Milch ihrer 100 Kühe. Frei von Pestiziden und Wachsen ist der aus Fallobst gepresste Apfelsaft, den Dortmunder Landwirte gemeinsam in einer Projektgruppe vermarkten. "Wir überlegen, den Saft speziell zur Weltmeisterschaft als Apfelwein mit etwas Alkohol anzubieten", erklärt Projektleiterin Ursula Trojan.

 

Buffet beim Bundesligaspiel

 

 

 Öko-Saft aus Fallobst, gepresst in Dortmund

Alles frisch, alles ökologisch, alles lecker - unter diesem Motto wollen sich die heimischen Erzeuger von "landaktiv" um die Organisation des gehobenen Caterings der WM bewerben. Regionalmanager Hugo Gödde der vor sechs Jahren gegründeten Initiative zeigte sich optimistisch, dass "landaktiv" den Zuschlag erhält. Bereits zweimal - gegen Bayer Leverkusen im Oktober 2004 und zuletzt gegen Mainz - hatten die ökologisch orientieren Direkvermarkter bei BVB-Bundesligaspielen das Buffet organisiert. "Logistik, Lieferung und Service funktionierten sehr gut", so Gödde, "deshalb trauen wir uns das bei der WM zu."

 

Käfer tischt im Westfalenstadion auf

 

Was niemand bei der Schlemmerei in der Dortmunder Bürgerhalle wusste: Das WM-Catering ist schon seit Wochen geregelt. Der Fußball-Weltverband FIFA beauftragte die Agentur iSe-Hospitality AG mit Sitz in der Schweiz, unter anderem für das Catering in den Logen und Lounges der WM-Stadien zu sorgen. Wie iSe-Pressesprecher Peter Csanadi auf donews-Anfrage mitteilte, kümmern sich im Dortmunder Westfalenstadion Feinkost Käfer und die Haberl Gastronomie GmbH um das leibliche Wohl der VIPs. "Das komplette Programm wird von diesen beiden Unternehmen aus München übernommen", so Csanadi. Sollte ein dritter Caterer benötigt werden, hat iSe noch einen weiteren Betrieb in der Hinterhand. Die regionalen Vermarkter von "landaktiv" müssen offensichtlich draußen bleiben.

 

Bereits Anfang des Jahres wurden Käfer und Haberl von der iSe verpflichtet. Die Schweizer sahen jedoch von einer Pressemitteilung ab, da beide Unternehmen nicht zu den offiziellen FIFA-Partnern gehören und im Zusammenhang mit der WM keine Werbung betreiben dürfen. "Wir bestätigen zwar gerne, dass Käfer und Haberl bei der WM dabei sind", sagt Csanadi, "wir werden das aber selbst nicht öffentlich machen."

 

Keine lukullischen Verrückheiten

 

 Die Macher von "Green Goal" und ihre Unterstützer

Zu den offiziellen FIFA-Partnern in der Gastronomie zählen unter anderem der US-Bierproduzent Anheuser-Busch und McDonalds. Denen wollte Geschäftsführer Gödde von "landaktiv" ein Stück gediegener Tafelkultur Westfalens entgegensetzen: "Mit uns werden die Gäste keine lukullischen Verrücktheiten wie Känguru-Gulasch erleben", warb er in der Bürgerhalle für seine Initiative. Für Gödde als Vertreter des guten Geschmacks ist es zudem schwer erträglich, dass in der ehemals zweitgrößten Bierstadt der Welt bei der WM im Dortmunder Stadion ausschließlich amerikanisches Bier ausgeschenkt wird.

 

Ob sich die Catering-Dienste von Käfer und Haberl mit den ökologischen Zielen von "Green Goal" vereinbaren lassen, bleibt fraglich. So ist zu erwarten, dass die Münchner die Speisen von Bayern bis nach Dortmund per Lkw transportieren, bis sie im Westfalenstadion auf den Teller kommen. Käfer etwa unterhält in der bayerischen Landeshauptstadt einen Bereich, wo Speisen für Großveranstaltungen vorbereitet werden, erklärte Sprecherin Marion Weiss gegenüber donews. Dortmunds Bundestagsabgeordneter Marco Bülow, der dem Arbeitskreis "Green Goal" vorsitzt und "landaktiv" unterstützt, bezeichnete die langen Transportwege von Lebensmitteln bei der "landaktiv"-Kostprobe grundsätzlich als "eine der Hauptsünden unserer industrialisierten Welt". Schließlich verfüge man über sehr gute Produkte direkt vor der Haustür.

 

Öko-Gastronomie bleibt ein Traum

 

Die Idee einer einwandfrei ökologischen WM-Gastronomie - das bleibt wohl nur ein Traum. Die Dortmunder fühlten sich bislang unter den insgesamt zwölf WM-Spielstätten als Vorbild für ein Umweltschutzkonzept, das der Besucher sogar schmecken soll. So weit seien die anderen fünf WM-Städte, die sich "Green Goal" angeschlossen hätten, noch nicht, sagte Bülow. Dass die Agentur iSe gastronomisch alles unter Dach und Fach gebracht hatte, war offenbar nicht bekannt.

 

 

 Dr. Hermann Scheer

Trotzdem hat Dortmund beim Thema Umweltschutz Großes vor: Nach der Schlemmerei in der Bürgerhalle erörterte Gerd Kolbe, WM-Beauftragter der Stadt Dortmund, mit Experten im WM-Globus auf dem Friedensplatz den Stand der Dinge bei "Green Goal". So wird auf dem Dach der neu erbauten Westfalenhalle 3b, die während der WM das dritte Medienzentrum nach Berlin und München beherbergt, eine mit 99.500 Euro vom Land bezuschusste Photovoltaik-Anlage installiert. Am Westfalenstadion soll die Flaniermeile "Soccer Walk of Fame" entstehen, auf der ein offener und abends beleuchteter Kanal gesammeltes Regenwasser zur Rasenbewässerung auffängt. Das Westfalenstadion wird mit regenerativer Energie aus Wind und Sonne versorgt. Das Umweltamt der Stadt händigt den Abnehmern von Öko-Strom ein "Green Goal"-Zertifikat aus.

 

"Green Goal" - Vorbild für die Welt?

 

Die Dortmunder Macher des Umweltkonzepts denken schon weit über die WM hinaus. Jede große Sportveranstaltung, so ihre Vision, soll sich ökologisch an "Green Goal" orientieren. "Nach der Weltmeisterschaft dürfte niemand mehr daran vorbeikommen", so Hermann Scheer, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Weltrates für erneuerbare Energien. Das Publikum im WM-Globus spendierte Applaus. Wie groß der ökologische Tatendrang in Dortmund ist, bewies am Ende der Veranstaltung ein Biobäcker. Spontan bot er dem Arbeitskreis von "Green Goal" seine Unterstützung an - Biobrötchen für die WM.

 

Fotos: Michael Schulte

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VON MICHAEL SCHULTE

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