| Von Null auf 21,1 | ||
Vom Couch-Potato zum Halbmarathon-Läufer in drei Monaten. Geht das überhaupt? donews-Redakteurin Annika Sehl ging dieser Frage im Selbsttest nach. Ihr Ziel: Der Halbmarathon in Göteborg. Für donews berichtet sie über ihre Vorbereitungen, Hoch- und Tiefgefühle und schließlich den großen Tag.
Sonntag, 25. Februar 2004: So fängt alles an "Ein Auslands-Semester ist auch dazu da, mal was Neues auszuprobieren." Das hatte mir eine Freundin mit auf den Weg gegeben, als ich vor ein paar Wochen als Erasmus-Studentin nach Göteborg in Schweden aufgebrochen bin. Dass die erste Gelegenheit schon so bald kommen würde, hätte ich nicht gedacht. Genauer gesagt, als ich mit ein paar neu gewonnenen Freunden gemütlich im Café sitze und wir uns über die Veranstaltungen der kommenden Monate unterhalten. Ein Highlight sei der "Göteborg Varvet", ein Halbmarathon im Mai, sagt Christian. Das Ganze würde ein Riesenspaß und er sei dabei. Ein Riesenspaß? Hört sich gut an. Und im Mai? Bis dahin ist ja noch viel Zeit, denke ich. Warum also nicht? Ich sage spontan zu, mitzulaufen. Zu Hause beschleicht mich das Gefühl, dass das wohl doch etwas naiv war. Schließlich habe ich jahrelang nicht regelmäßig Sport getrieben. Okay, ich gehe ab und zu joggen, aber meistens beschränkt sich das nur auf die Strecke bis zum Bus oder zur U-Bahn.
Die Entscheidung fällt
Sonntag, 7. März 2004: Jetzt gibt?s kein zurück mehr Ja, ich bin angemeldet. Am 1. März war offizieller Anmeldeschluss. Jetzt gibt?s kein zurück mehr. Denn die 300 Kronen (umgerechnet etwa 30 Euro) Startgebühr habe ich auch schon überwiesen. Und die sollen sich ja lohnen. Die Druckkulisse ist also aufgebaut. Deshalb habe ich mir heute auch immerhin schon mal einen Trainingsplan besorgt. Akribisch ist darin aufgelistet, was mich in den nächsten zehn Wochen erwartet. Am Besten gefällt mir der erste Eintrag: erste Woche, erster Tag: Ruhetag. Aber ich fürchte, das wird wohl eher die Ausnahme bleiben. Schon in der Einleitung heißt es, dass drei bis vier Läufe pro Woche notwendig sind. Na dann, Augen zu und Laufschuhe an!
Das Training beginnt
Samstag, 20. März 2004: Die Schonzeit ist vorbei Woche 2 meines Trainingsplans. Letzte Woche bin ich eine Stunde locker durchgelaufen. War gar nicht so schwer, wenn man darauf achtet, langsam zu laufen. Nur die Strecke könnte ich noch optimieren. Ging ziemlich lange bergauf. Meine Muskeln meldeten sich prompt am nächsten Tag. Sowas hatte ich ihnen bisher nicht zugemutet. Aber die Schonzeit ist vorbei. Morgen sind 70 Minuten dran und danach noch Dehnen, damit die Muskeln sich nicht verkürzen. Der skandinavische Wettergott meint es auch gut. Es wird langsam ein bissch
Dienstag, 5. April 2004: Was hält einen 100 Minuten auf dem Laufband? Komme gerade vom Fitnesstudio zurück. War 100 Minuten auf dem Laufband. Mein Ausblick: der Kraftraum der Männer. Aber selbst der Anblick muskelbepackter Kraftprotze wird mit der Zeit langweilig, die Gespräche meiner beiden drahtigen Nachbarsportlerinnen über ihre angeblichen Figurprobleme sowieso. Irgendwann habe ich dann nur noch wie gebannt auf die Zeitanzeige geschaut und die Minuten heruntergezählt. Nächstes Mal laufe ich wieder draußen, egal wie kühl es ist.
Los geht's...
Motivation kämpft gegen innerern Schweinehund an
Donnerstag, 8. April 2004: Der innere Schweinehund siegt 6.30 Uhr. Mein Wecker meldet sich erbarmungslos. Ein Stündchen laufen, dann schnell duschen und ab in die Uni. Das war mein Plan. Ich mache das nervtötende Ding aus, stehe auf. Draußen regnet es in Strömen. Mein kleines bisschen Restmotivation verflüchtigt sich ganz, auch wenn bei Regen die Luft ja am Besten sein soll. Am Wärmsten ist es in meinem Bett. Ich kuschel mich wieder in die Decke und schlafe weiter. Das war?s mit dem Training für heute. Der innere Schweinehund hat gesiegt.
Sonntag, 17. April 2004: Die Straßenbahn erlöst mich Habe mich mit Christian, dem Initiator der ganzen Geschichte, zum gemeinsamen Laufen verabredet. In der ?heißen Phase" wollen wir zusammen trainieren. Außerdem war heute Premiere für meine neuen Laufschuhe. Sie sind noch so strahlend weiß, dass mich jeder gleich als Neuling identifizieren konnte. Aber bis zum Halbmarathon werden sie schon noch ihre Farbe ändern, da bin ich sicher. Vor allem werden sie auch Über eine Stunde sind wir gelaufen, ohne Plan, haben einfach irgendwelche kleinen Straßen mit ihren Holzhäusern erkundet. Dann sind wir auf die Hauptstraße zurückgekehrt. Die Straßenbahn fuhr gerade vorbei. Die Straßenbahn, die vor meiner Haustür hält. Meine Straßenbahn. Ich sah die große Chance kommen. Wahrscheinlich bin ich selten so schnell gesprintet. Aber ich habe sie noch bekommen und mich erschöpft auf den Sitz fallen lasse. Armer Christian. Er musste noch eine halbe Stunde zu seinem Fahrrad zurücklaufen und dann nach Hause radeln. Da stand ich schon unter der heißen Dusche. ... und viel trinken.
Samstag, 1. Mai 2004: Der Countdown läuft Die Nacht auf den ersten Mai wird von Studierenden in Schweden groß gefeiert. Und so fühle ich mich heute auch: unausgeschlafen und mein Kopf schmerzt. Aber es sind nur noch zwei Wochen bis zum großen Tag X. Nun zählen keine Ausflüchte mehr. Es wird trainiert. Und frische Luft soll ja auch gegen allerlei sonstige Beschwerden helfen.
Montag, 3. Mai 2004: Ich bin stolzer Besitzer einer Startnummer Heute lag er in meinem Briefkasten. Nein, nicht der neue Flyer vom Pizza-Service, sondern der Umschlag mit meinen Startunterlagen. Ich werde als 36.612te starten. In der letzten Startgruppe. Und der Nummer nach zu schätzen, auch ziemlich als letzte Läuferin. Ob das wohl damit zusammenhängt, dass ich bei der Anmeldung meine voraussichtliche Zeit angegeben habe? Nachmittags beruhigt mich eine schwedische Freundin, dass Erstteilnehmer immer in die letzte Startgruppe kommen. Ach so, na dann.
Nur noch eine Woche
Samstag, 8. Mai 2004, 9.00 Generalprobe für das große Ereignis in 7 Tagen, 7 Stunden und 9 Minuten. Heute laufen Christian und ich die Strecke langsam ab. Sie ist weniger hügelig, als ich befürchtet hatte und führt schön am Wasser entlang, dann durch die City. Die Extra-Früh-Shopper lehren uns schon mal das Slalom-Laufen. Nach 2:25 Stunden haben wir?s geschafft. Wir sind zufrieden dafür, dass wir zweimal durch den Supermarkt joggen mussten, um Wasser zu kaufen. Trinkstände gab es ja leider noch nicht. Christian und Annika beim Lauf
Freitag, 14. Mai 2004: Heute sind Nudeln und Erholung angesagt Morgen um diese Zeit wird der Startschuss gefallen sein. Aber heute macht mir das noch gar nichts aus. Schließlich ist es ein Tag ganz nach meinem Geschmack: ausschlafen, gemütlich die Startnummer abholen, Nudeln essen und bloß nicht zuviel bewegen. Herrlich.
Der Halbmarathon
Samstag, 15. Mai 2004: Der große Tag ist gekommen Um 16:09 Uhr ist es soweit. Meine Startgruppe macht sich auf den Weg. 21,075 Kilometer liegen vor uns. Die Stimmung an der Strecke ist super. Auf den ersten Kilometern bin ich einfach nur berauscht davon und laufe wie von alleine. Die Göteborger rufen ?Heja, heja" und ?Springa, springa", halten Plakate hoch. Kinder halten ihre Hände raus und klatschen ab, an jeder zweiten Ecke spielt eine Band. Einige Läufer sind sogar kostümiert. Meine Favoriten: Cowboys mit nacktem Hinterteil.
Cowboy ohne Pferd Euphorie auf den ersten zehn Kilometer
Die ersten zehn Kilometer spule ich locker ab, getragen von der Stimmung. Eine Kilometermarke kommt nach der anderen. Ich will einfach nur laufen, laufen und laufen. Habe mein Tempo gefunden. Bei Kilometer 16 werden die Beine schwerer, aber wir kommen in die Innenstadt. Hier irgendwo wollen meine Freunde stehen, da kann ich ja jetzt nicht schwächeln. Also halte ich durch. Als sie mir dann wirklich zurufen, motiviert das wieder ungemein.
Die Kraft schwindet immer mehr
Tapfer laufe ich weiter. Um mich herum geben Läufer auf, andere fangen an zu gehen, aber ich beiße die Zähne zusammen. Wenn ich jetzt stehen bleibe, fange ich gar nicht mehr an zu laufen. Das weiß ich. Bei Kilometer 19 schmerzt mein Bein stärker, die Kraft schwindet immer mehr. Aber ich weiß, dass ich es schaffen werde. Ich reduziere das Tempo, laufe langsamer weiter. Kilometer 20, dann das erlösende Schild 21 und nur noch eine halbe Runde durchs Stadion. Das Ziel in Sichtweite.
Glücklich im Ziel
Die Menschen im Stadion klatschen und jubeln uns zu, für ein paar Sekunden sind die Schmerzen vergessen. Ein Schlussspurt ist zwar nicht drin, aber ich hab?s geschafft. Nach 2:19 Stunden. Ein absolutes Glücks-Gefühl. Meinen Läufer-Chip, mit dem die Zeit gemessen wurde, tausche ich gegen Medaille und eine Banane ein. Noch besser ist aber die kostenlose Beinmassage. Die entschädigt für alles.
Geschafft, aber glücklich
Fazit: Halbmarathon laufen kann eigentlich jeder, allerdings sollten Läufer mit chronischen Erkrankungen vorher mit ihrem Arzt sprechen. Nur den inneren Schweinehund muss man immer wieder überwinden, denn ein regelmäßiges Training ist zumindest für ehemalige Couch-Potatoes nötig. Das Glücksgefühl beim Überqueren der Ziellinie entschädigt für alle Qualen. Mein nächstes Ziel ist jetzt jedenfalls ein ganzer Marathon. Aber erst in einem Jahr.
Tipps von Marathon-Profi Uta Pippig Trainigspläne, Zeitprognosen und Links zu populären Läufen Ernährungstipps für Läufer auf der Seite des WDR
Fotos: Annika Sehl | ||
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en wärmer. Vielleicht kann ich dann ja am Vormittag laufen. Mit Mütze traue ich mich nämlich nur in der Abenddämmerung nach draußen, wenn mich niemand erkennt.
gut eingelaufen sein, damit es beim großen Lauf keine Blasen gibt.
Uhr: Die Generalprobe bestanden