| Szenen vom Mittelpunkt Europas (3) | ||||||
Litauen hat einiges nachzuholen, nicht nur in Sachen Konsum. Nein, auch die Entwicklung der Medien läuft in dem kleinen baltischen Land im Zeitraffer ab: Sendungen wie „Ohne Tabus“ oder das beliebte „Telelotto“, eine Art Glücksrad, bei dem inzwischen jeder der dreieinhalb Millionen Litauer mindestens schon vier Autos gewonnen haben müsste, fegen die Straßen leer. Nur Hollywood-Filme machen hier wirklich keinen Spaß.
Sie guckt lüstern. Oder auch betroffen. Manchmal lacht sie auch. Ziemlich oft sogar. Was die Frau im Fernsehen, die so aussieht wie Arabella Kiesbauer und definitiv den gleichen Friseur hat, jedoch sagt, kann ich eher vage verstehen. Fest steht, bei „Nomeda“ geht es um Talk. Guten, alten „Arabella“-Talk eben. Ein junger Mann sitzt auf dem Bekenner-Sofa vorn und berichtet – so scheint es – von seiner schweren Kindheit, seinen zerrütteten Familienverhältnissen und dem Streit mit seiner Freundin. Jetzt will er sich entschuldigen. Nomeda lächelt. Die Freundin, die im hinteren Teil des Studios sitzt, auch. Aber vor der großen Versöhnungs-Szene erst einmal Werbung.
Blutige Porträts
Handy-Klingeltöne sind in Litauen beliebt, das suggeriert zumindest der Anteil diesbezüglicher Werbespots. Seit nunmehr vier Monaten läuft inzwischen auch ein Werbefilm für den Schokoriegel „Manija“, der im Wesentlichen mit seiner aufdringlichen Musik imponiert. Besonders amüsant wird es jedoch, wenn in einem Werbespot für ein Vitaminpräparat ein als „deutscher Arzt“ vorgestellter Schauspieler auftaucht, der mit seriösem Blick und pechschwarzer Fönfrisur die Vorteile der Arznei erläutert. Doch zurück zu „Nomeda“, dort fallen sich Mann und Frau gerade in die Arme, Nomeda lacht und klatscht, das Publikum im Talk-Studio natürlich auch. In der nächsten Folge wird es um eine Frau gehen, die mit ihrem eigenen Blut Porträts malt. Lithuanian showbusiness at its best.
Julia Roberts ist ein Mann
Doch auch Altbekanntes flimmert über den Bildschirm: unverkennbar der Schriftzug, die Musik bedrohlich dumpf, zehn Fragen bis zur Million – „Wer wird Millionär“ wird in Litauen jedoch von einem beliebten Allround-Entertainer moderiert, einem sonoren Vollbart-Träger, der bei anderen Gelegenheiten auch mal gefühlvolle Folklore-Hits zum Besten gibt. Mit meinen mangelnden Sprachkenntnissen habe ich es jedoch noch nie über die 100-Litas-Frage hinaus geschafft und mein Telefonjoker würde wahrscheinlich sofort auflegen vor Lachen, wenn ich versuchte, die Frage vorzulesen. Zum Lachen gibt es im litauischen Fernsehen bisher recht wenig, denn selbst die „Simpsons“ werden hier synchronisiert – allerdings nur mit einer Stimme, die alle Figuren relativ lustlos überspricht, was dem Sprachwitz nicht gerade zuträglich ist. Dasselbe Schicksal widerfährt jedem Hollywood-Film und so sprechen Hugh Grant, Tom Cruise, Julia Roberts und Angelina Jolie mit der gleichen gelangweilten Stimme, ob sie nun gerade stehen, streiten oder sterben.
Tabuloser Frauentausch
Für Brisantes sind die Litauer ohnehin allzeit empfänglich, weswegen sich Formate wie „Be tabu“ („Ohne Tabu“) schnell durchgesetzt haben. In offiziellen Umfragen wird die Schamlosigkeit dieser Sendung, bei der nicht erotische Details, sondern vielmehr die alltäglichen Skandälchen der litauischen Landbevölkerung erörtert werden, regelmäßig gescholten, doch die Einschaltquoten geben „Be Tabu“ immer wieder Recht. Für ähnliches Aufsehen sorgt der Frauentausch auf tv3: „Keiciu zmona“ lässt Frauen in wildfremden Haushalten putzen, für wildfremde Familien einkaufen und mit wildfremden Männern das Bett teilen. Emanzipation auf litauisch.
Ein Sofa voller Anspruch
Aber es ist nicht nur Sex, Crime und Frauentausch, was die Litauer vor die Fernseher lockt. Auch kulturell anspruchsvolle Sendungen haben eine Chance, wenn auch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit im öffentlich-rechtlichen Zweitkanal. Dort lädt ein bekannter Universitäts-Professor montagabends zum philosophischen Sofa: „Be pikcio“ („Ohne Zorn“) wird daraufhin halbstündig diskutiert, wobei der Professor kluge Einwürfe und die Gäste ebenso kluge Antworten zu geben scheinen. Alle sehen zumindest ahnungsvoll bis interessiert aus und am Ende habe sogar ich das Gefühl, etwas gelernt zu haben – be samojio („ohne Witz“).
Fotos: radue/www.nomeda.lt | ||||||
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