| Allein unter Borussen | ||
Den Schal hat er zu Hause gelassen, das Trikot auch. Tobias sitzt im ausverkauften Westfalenstadion beim Spiel Bayern München gegen Borussia Dortmund. Er schaut sich mit kritischem Blick um: alles gelb. Klar, denn sein Platz befindet sich in Block zwölf, Südtribüne. Einziges Problem: Tobias ist Bayern-Fan.
300 Kilometer ist Tobias gefahren, um das Spiel zu sehen. Seine Schwester wohnt in Dortmund und hat ihm die Karten zum Geburtstag geschenkt. Am Tag des Vorverkaufs - nach zweieinhalb Stunden langem Anstehen - konnte sie aber nur noch Stehplatzkarten ergattern. Das bedeutet: Zuschauen inmitten von Borussen. "Egal! Hauptsache wir sind drin!?, sieht er die Situation zunächst noch gelassen.
Optimismus vor dem Anpfiff
Tobias ist optimistisch, dass Bayern gewinnt. Nicht ohne Grund. Immerhin hatte der Goalgetter des FC Bayern Roy Maakay in jedem der vorangegangenen sieben Spiele mindestens ein Tor geschossen, insgesamt zehn. Der 18-Jährige hofft, dass Maakay auch in diesem Spiel zuschlägt. "Dann wird es schlimm", befürchtet Tobias, "denn dann muss ich einfach jubeln!? Doch das könnte auf der Südtribüne gefährlich werden.
Kaum hat das Spiel begonnen, liegt Dede am Boden. Die Borussen buhen Ballack lautstark aus, der den Mittelfeld-Spieler des BVB gefoult hat. Wieder erschallen die Stimmen von Zehntausenden: ?Scheiß FC Bayern! Wir singen Scheiß FC Bayern!? Tobias schweigt. Doch auch wenn er sich bei solchen Gesängen schon mal in den Bayern-Block sehnt, rutscht ihm in der Halbzeitpause heraus: ?Die Stimmung ist hier auf der Südtribüne auf jeden Fall am besten.?
Gute Stimmung bei den Borussen, schlechte bei Tobias
In der zweiten Hälfte des Spiels bekommt er eben diese Stimmung massiver zu spüren, als er es sich gewünscht hat. Als Schiedsrichter Merk den umstrittenen Foulelfmeter gegen den Bayern Salihamidzic pfeift, den Ewerthon souverän verwandelt, sind die Borussen-Fans nicht mehr zu halten. Während um ihn herum gelbe Massen auf und ab hüpfen und sich in den Armen liegen, verzieht Tobias kaum eine Miene. ?Vielleicht sollte ich für das Spiel BVB-Fan werden?, sagt er mit einem gequälten Grinsen und stimmt einen Scheinapplaus an.
Trauer nach dem Abpfiff
Abpfiff. Als die feiernden Borussen-Anhänger singend und lachend das Stadion verlassen und die Südtribüne sich mehr und mehr leert, bleibt Tobias zurück, klappt einen Sitz herunter, setzt sich und schaut traurig aufs leere Spielfeld. ?Es tut schon weh, wenn du inmitten der gegnerischen Fans stehst, um dich herum alle ?Scheiß FC Bayern? grölen und du weißt, dass auch du damit gemeint bist. Aber das Schlimmste", resümiert er, "das waren mit Abstand die Tore.?
Die Homepage des FC Bayern München Die Homepage von Borussia Dortmund Statistiken zum Spiel Dortmund gegen Bayern Fotos: Judith Wienand | ||
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Noch zehn Minuten bis zum Spiel. Auf dem Rasen gehen gerade die letzten Einstimm-Spielchen fürs Publikum zu Ende. Dann stimmen Zehntausende Borussen-Anhänger aus voller Kehle an: ?...Walk on...walk on...with hope in your heart and you'll never walk alone. You'll never walk alone!? Du wirst niemals allein da durch müssen? Tobias kommt sich in diesem Moment jedoch sehr allein vor: ?Es ist schon gewaltig, wenn du um dich herum nichts mehr hörst als die lautstarke Eintracht der Borussen-Fans. Und du stehst als Feind mittendrin.?
Doch als Wörns nur sechs Minuten später nachlegt, kann auch Tobias sich nicht mehr verstellen. Die Mundwinkel kippen nach unten. Er leidet mit allen anderen Bayern-Fans im Stadion und resigniert: ?Das war es mit der Meisterschaft.? Zumindest ist es das mit einem Sieg der Bayern im Westfalenstadion. Das Spiel ist gekippt und als Ballack in der 68. Minute vom Platz geschickte wird, sind die Münchner in Unterzahl den aufgeputschten Borussen erst recht unterlegen. Schon zehn Minuten vor Ende erheben die BVB-Fans erneut ihre Stimmen und schmettern dem FC Bayern ein kräftiges ?Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!? entgegen.