| "Niemand soll hungern müssen" | ||||||||||
(do1) Kräftige Hände laden unter den wachsamen Augen von Bärbel Kusi volle Kisten mit Salatköpfen und Melonen aus dem Transporter der Dortmunder Tafel. Der Weg der Lebensmittel führte direkt aus dem Edeka-Zentrallager in die Haydnstraße. Hier befindet sich in einem Hinterhof seit zwei Jahren der älteste der sechs Dortmunder Tafelläden.
An der Hauswand des Innenhofs lehnen erste Einkaufswagen – dabei beginnt der Warenverkauf erst in vier Stunden. Bis dahin ist noch viel zu tun. Die Backwarenlieferung ist schon eingetroffen, im Laden wird diese auf Qualität überprüft und nach Sorten getrennt. Kuchen wird extra verpackt. "Es soll alles schön aussehen für unsere Kunden", erklärt Filialleiterin Bärbel Kusi.
An der Brotheke arbeitet Martin Oexmann. Der Dortmunder tut das jeden Samstag. Freiwillig. Hauptberuflich ist er im technischen Bereich tätig. "Ich habe mir vor einiger Zeit mal überlegt, dass man über soziales Engagement sehr viel nachdenkt und spricht, es aber meist nicht tut." Als dann die Dortmunder Tafel eröffnet hat, sah er dies als Gelegenheit, sein Vorhaben praktisch umzusetzen. "Der Kontakt mit den Menschen ist die schöne Geschichte daran", sagt Martin Oexmann über sein Engagement.
Die Tafel lebt von ehrenamtlichen Helfern
Bärbel Kusi arbeitet dienstags bis samstags von früh morgens bis spät am Abend im Tafelladen. Auf eine Zeitungsanzeige der Dortmunder Tafel hin hat sie sich vor gut neun Monaten vorgestellt, um sich freiwillig zwei Tage die Woche für Bedürftige zu engagieren. Aus diesen zwei Tagen wurden bald fünf.
Und seit drei Monaten ist sie Filialleiterin des Nordstädter Tafelladens. Sie erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit hier. Seither habe sich einiges verändert, sagt sie. Die Kunden seien mittlerweile viel aufgeschlossener und würden sich auch trauen, die Verkäufer anzusprechen und nach bestimmten Lebensmitteln zu fragen anstatt nur stumm mit dem Finger darauf zu zeigen. "90 Prozent unserer Kundschaft hat russische Wurzeln", schätzt Bärbel Kusi. Aber auch andere Nationalitäten seien vertreten.
Aus Scham wird Charme
Bärbel Kusi sieht es als ihre Aufgabe an, die Scham ihrer Kunden in Charme zu verwandeln. Sie schämen sich, die hiesige Sprache nicht richtig zu beherrschen und bei der Tafel einkaufen zu müssen. "Es gehört schon Mut dazu, sich hier an die Straße zu stellen und alle wissen zu lassen, dass man bei der Tafel einkauft", sagt Bärbel Kusi. Die "Geducktheit" wie sie es nennt, habe sie zu Beginn sehr bedrückt. Heute sei das Klima "viel netter geworden", was nicht zuletzt damit zusammenhänge, dass die Filialleiterin ihre Kundschaft kennt und um die Probleme und Sorgen der Menschen, die hier zusammentreffen, weiß. Unter den Mitarbeitern gehören neun von zehn selbst zu den Bedürftigen. In dieser Filiale arbeiten eine Rechtsanwältin und ein Hartz-IV-Empfänger Hand in Hand.
Die Tafel wächst - mit ihr die Anforderungen
"Wir brauchen auch weiterhin viele Ehrenamtliche", appelliert Bärbel Kusi besonders an Studenten, vielleicht während der Semesterferien oder auch nur für zwei Stunden pro Woche mitzuhelfen. "Vor allem kräftige junge Männer." Die Bereiche, in denen bei der Tafel gearbeitet werden kann, reichen vom Verkauf über den Transport/Fahrdienst bis hin zur Bürotätigkeit. Rund 320 Ehrenamtliche zählt die Tafel in Dortmund aktuell.
Die Dankbarkeit der Kunden tröstet über Anstrengungen hinweg Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin eröffnet. Die Idee stammt aus Amerika. Hier gründete John van Hengel dreißig Jahre zuvor die "food bank". Die Tafel hat sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit geringem Einkommen zu helfen. Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, aber noch einwandfrei sind, werden gesammelt und im Tafelladen zu einem symbolischen Preis an Inhaber von Tafelausweisen abgegeben. Die Tafel finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.
Inzwischen ist der letzte Transporter entladen. Es ist alles bereit für die Kunden. Um 12 Uhr werden dann die ersten Besitzer eines Tafelausweises eingelassen, immer 15 Personen zugleich, rund 200 pro Tag. Eingekauft werden darf nur einmal wöchentlich. Die Kunden erhalten für einen symbolischen Preis von zwei Euro eine an der jeweiligen Haushaltsgröße bemessene Stiege, die von den Ehrenamtlichen mit dem Gewünschten gefüllt wird. "Alles, was wir von unseren Sponsoren erhalten, geht an die Kunden", sagt Bärbel Kusi. "Niemand soll hungern müssen", das ist ihr Ziel. Und es kommt etwas zurück: So versorgt eine marokkanische Großfamilie die Helfer der Tafel zwei Mal im Monat von ihren Waren mit Selbstgebackenem oder -gekochtem. Doch viele können außer Worten des Dankes und guten Wünschen nichts aufbringen. Für Bärbel Kusi ist das mehr als genug. Abends ist sie zwar ziemlich müde und erschöpft, aber auch zufrieden. Denn ihre Arbeit lohnt sich. Jeden Tag.
FOTOS/VIDEOS: Katharina Bons | ||||||||||
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