| Ohne Motor über dem Ruhrgebiet | ||||||||
(eldoradio) Ein bisschen mulmig ist mir schon in der Magengegend, als ich durch das breite weiße Tor auf das Segelfluggelände in Kamen trete: Nicht, dass ich Höhenangst hätte oder Probleme mit dem Fliegen, bei Urlaubsreisen hat es ja schließlich auch immer bestens geklappt. Aber so ganz ohne Motor in die Lüfte?
Etwas unsicher nähere ich mich einer Gruppe junger Leute, die neben den Segelflugzeugen am Rand der weiten Rasenfläche stehen. „Hallo! Ich habe einen Rundflug gebucht“, sage ich und blicke fragend in die Runde. „Du bist Marie? Dann los! Es ist schon alles startklar“, antwortet ein großer dunkelhaariger Junge. „Ich bin übrigens Wolf und werde heute dein Pilot sein!“
Alles ist startklar
Ich folge ihm zu einem der schlanken weißen Flugzeuge mitten auf der Wiese. Die langen dünnen Tragflächen glänzen in der Sonne. Wolf kommt aus Dortmund, erzählt er mir. Er fliegt hier schon seit vier Jahren und nein, ich müsse keine Angst haben: Fliegen ohne Motor sei ganz einfach.
Segelflieger nutzen die natürlichen Aufwinde
„Wir nutzen dabei die natürlichen Aufwinde, die dort entstehen, wo sich die Luft schnell erwärmt. Zum Beispiel über einem gelben Weizenfeld, wo die Sonne draufscheint“, erklärt er. „Die leichten Segelflugzeuge werden einfach mit nach oben getragen.“ Außerdem sei noch nie etwas ernsthaft Schlimmes passiert. Grinsend hält er mit etwas hin, was wie ein platter Rucksack aussieht: „Den musst du aber trotzdem anziehen: Sicher ist sicher!“ Mein Herz stockt, als ich erkenne, dass es ein Fallschirm ist. Zögernd stecke ich meine Arme und Beine durch die Laschen und Wolf zieht sie fest, bis das Paket auf meinem Rücken richtig sitzt. „Keine Sorge, du wirst ihn nicht brauchen“, sagt er, als er meinen Gesichtsausdruck bemerkt. „Und jetzt rein da!“ Er klappt die Plexiglashaube des Zweisitzers auf. „Du hinten, ich vorne.“ Ich gehorche und zwänge mich in die enge Kabine.
Das Cockpit ist eng
Mit vier Gurten werde ich angeschnallt. Wolf prüft noch einmal nach, ob sie auch stramm genug sind und schwingt sich vor mich ins Cockpit. Nachdem auch er sich angeschnallt hat, schließt er die Haube und gibt den anderen draußen Zeichen. Ein Mädchen kniet sich vor dem Flugzeug auf den Boden und hakt ein Stahlseil ein, an dem wir in die Luft katapultiert werden sollen. „Das nennt man Windenstart“, erklärt Wolf. Aus dem Funkgerät quäkt eine Stimme irgendetwas von „Start frei“ und ich klammere mich an meinen Sitz. „So, es geht los!“ Wolf guckt gespannt nach vorne, wo sich das Seil langsam strafft.
Per Windenstart in die Luft
Plötzlich gibt es einen Ruck und wir setzen uns in Bewegung: Wir holpern kurz über die Wiese, dann heben wir ab. Steil geht es in die Luft. Beinahe senkrecht, so kommt es mir vor. Ich werde in meinen Sitz gepresst und halte die Luft an. Die Luft rauscht laut an den Tragflächen vorbei. Dann senkt sich die Nase des Flugzeuges, und wir sind wieder waagerecht. Sofort ist es leiser. Es rumpelt kurz unter uns. „Wir haben ausgeklinkt. Das Seil ist ab, jetzt sind wir frei!“ ruft Wolf und lenkt das Flugzeug sofort in eine enge Kurve.
Jetzt kann ich runter auf die Erde schauen, die rund zweihundert Meter unter uns liegt. Mein Blick schweift über Baumwipfel, Felder, Wege und Häuser. Menschen sind winzig zu erkennen. Ich bin begeistert. Der Horizont ist zwar etwas dunstig, doch die Fernsicht von hier oben ist fantastisch.
Unter uns: Wiesen, Felder und das Kamener Kreuz
„Was ist das dort?“ frage ich und zeige auf einen seltsamen Turm in der Ferne. „Das ist der Dortmunder Flughafen“, sagt Wolf. Und genau unter uns befindet sich jetzt das Kamener Kreuz!“ Er fliegt wieder eine steile Kurve und ich erkenne das große Kleeblatt aus Autobahnauf- und Abfahrten, auf dem Miniatur-Autos und kleine Lastwagen wie im Schneckentempo vorwärtskriechen. Die Sonne brennt ins Cockpit. Jetzt weiß ich, warum Wolf Sonnenbrille und einen weißen Hut trägt. Trotzdem genieße ich es, dicht unter den kleinen weißen Wolken herzufliegen, als würde man an ihnen kratzen. Wie mit dem Pinsel getupft stehen sie vor uns in der Luft.
Dem Himmel ein Stück näher
Ich habe das Gefühl, dem Himmel ein ganzes Stück näher zu sein. Wolf blickt auf die Instrumente vor sich: „Leider ist heute nicht viel Thermik, also aufsteigende Luftbewegung. Wir werden wohl gleich wieder runter gehen müssen“. Ich lasse meinen Blick noch einmal am Horizont entlang schweifen. Schade: Ich habe gerade angefangen, mich richtig wohl zu fühlen. Als wir zur Landung einschweben, weiß ich bereits sicher, dass dies nicht mein letzter Segelflug war.
Fotos: Marie Görz
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