Der Tierschützer
„Nicht mit mir“ tönt es aus seinem blassen, von Narben gezeichneten Gesicht. Der etwa 30 Jahre alte Mann ist Tierschützer, und er hat es den „verdammten Kapitalisten“ gezeigt.
In eine Geflügelfarm sei er mit seinen Freunden eines Nachts eingebrochen und habe die ganzen Hühner in die Freiheit entlassen. Viele seien völlig zerrupft, einige auch verletzt gewesen. Angst habe er dabei schon gehabt, aber um es den „Idioten“ zu zeigen, müsse man schon mal ein Risiko eingehen, sagt er.
Andächtig hört ihm die ältere Frau zu, die ihm gegenüber sitzt. Sie versucht ihn zu verstehen. Doch ein solch ausgeprägter Idealismus kommt ihr irgendwie spanisch vor. Wie er denn seinen Lebensunterhalt bestreite, möchte sie von ihm wissen. „Ich jobbe nebenbei, dreimal die Woche in einem Café“, sagt er mit fester Stimme, während seine Augen einen vorbeirauschenden Zug verfolgen. „Ist zwar manchmal schwer alle Kosten zu begleichen, aber ich bin mit meinem Leben, so wie es ist, zufrieden“.
Die Frau bietet ihm eines dieser köstlichen Erdbeer-Sahne-Bonbons an. Der Mann lehnt höflich aber bestimmt ab. „Nein, Danke. Da ist wahrscheinlich Gelatine drin“, sagt er. „Ich lebe vegan“.
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Garantiert aus "Bodenhaltung" |
Leicht irritiert rollt die Frau die Tüte wieder zusammen und steckt sie in ihre schwarze Lederhandtasche. Es wirkt, als habe sie von einem Veganer noch nie etwas gehört. Stille. Der Mann senkt den Kopf und starrt gedankenverloren ins Nichts. Es wirkt als zähle er die hellblauen Punkte auf dem Polster am Sitz gegenüber.
An der nächsten Haltestelle setzt sich eine junge Frau zu den beiden. Sie hat lange, blondierte Haare. Die Spitzen sind rot gefärbt. Sie trägt eine knallenge Jeans und unter ihrem Ledermantel scheint ein langer weißer Wollschal hervor. Der Geruch von Zigaretten dringt zu uns herüber. „Äy, Tarek“, brüllt sie plötzlich durch den ganzen Wagen, „hier iss noch frei!“. Sie hört Musik und weiß vermutlich nicht, dass sie gerade die Aufmerksamkeit aller Reisenden auf sich gezogen hat. „Ach, Alder, f*** Dich!“, fährt es spitz aus ihrem grellrot geschminkten Schmollmund. Der Tierschützer schüttelt den Kopf. Die ältere Frau rückt ein wenig weiter ans Fenster. „so was hat es früher nicht gegeben“, sagt die Frau und der Tierschützer lächelt sie an.
Vermutlich ist er in Gedanken schon wieder auf der nächsten Geflügelfarm. Und die ältere Frau sieht sich wahrscheinlich im Geiste mit einer wohlig warmen Tasse Tee unter der Rheumadecke zuhause vor dem Kamin. Und die junge Frau? Die ist wohl in Gedanken schon wieder bei der nächsten Kippe. Oder bei Tarek. Oder beim nächsten Date nach Tarek. Äy, schon krass, was man in der Bahn so alles erlebt… .
Von Thorsten Adolphs und David Hebing
