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"Die kleine Meerjungfrau" schwimmt, singt und tanzt im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater

Wegtauchen aus dem Alltag

Eigentlich hat es die kleine Meerjungfrau richtig gut: Sie führt ein sorgloses Leben in einer Unterwasserwelt, wie sie faszinierender kaum sein könnte: Grün-blau schimmert das Meer und wirft ein mystisches Licht auf die Fabelwesen, die zwischen endlos in die Höhe steigenden (Seifen-)Blasen schwimmen oder krauchen. Für die Dortmunder Inszenierung von Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau" hat Katja Schindowski der Hauptfigur ein Zuhause gebaut, in das wir alltagsgeplagte Theaterbesucher nur zu gerne eintauchen.

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Leben unter dem Meer: ein orientierlungsloser Goldfisch (Ellen van Royen, l.), die kleine Meerjungfrau und ihr Vater (Imam Cagla, r.)

Aber die kleine Meerjungfrau will weg. Sie hat von der Welt der Menschen gehört, an der Wasseroberfläche, und die zieht sie magisch an. Zu ihrem 15. Geburtstag geht ihr Wunsch in Erfüllung – und prompt verliebt sie sich in einen Prinzen. Um bei ihm sein zu können, tauscht die Meerjungfrau bei der bösen Meerhexe ihre Stimme gegen menschliche Beine ein und verlässt ihre Heimat – wohl wissend, dass sie sterben muss, wenn der Prinz eine andere heiratet.

Danach sieht es zu Beginn allerdings erst mal nicht aus: Auch der Prinz fühlt sich von der stummen, Mensch gewordenen Meerjungfrau angezogen. Beide vereint die Suche nach einer verwandte Seele. „Hier versteht Dich doch keiner...", hatte die Meerjungfrau dem Objekt ihrer Liebe zugerufen, als sie ihn zum ersten Mal sah – und auch sie war in ihrem Zuhause unzufrieden gewesen.

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Gesucht & gefunden: Die kleine Meerjungfrau (Rita Hatzmann) an Land bei ihrem Prinzen (Lukas Ullrich)

Einander gefunden zu haben, bedeutet für die beiden in der Dortmunder Fassung das, was wir aus Liebes-Filmen kennen. In einer beeindruckend poetischen Choreographie lässt der Dortmunder Tänzer und Balletdozent Marc Hoskins das Paar ausgelassen über den sandigen Bühnenboden hüpfen. Sie spielen Fangen, üben Golf mit einem Schuh, entdecken Muscheln am Meeresstrand, schenken sich Rosen und lassen einen Drachen steigen. Im Hintergrund läuft dazu „Close to you" von den Carpenters. Das ist Hollywood pur und gleichzeitig noch ein bisschen mehr: Prinz Lukas Ullrich mit seinem jungenhaften Charme und  Meerjungfrau Rita Hatzmann schaffen es, das Knistern zwischen ihren Figuren direkt in den Zuschauerraum zu übertragen. („Ich dachte schon, die küssen.", raunzte hinter mir ein Junge im Zuschauerraum – spürbar sowohl noch gefesselt als auch erleichtert). So nah am Publikum kann nur Theater sein.

Überhaupt ist die Inszenierung sehr körperlich, und Regisseur Matthias Komm scheut außerdem kaum einen Griff in die theatrale Zauberkiste: Da zucken Blitze am Bühnenhimmel, Nebel legt sich über die Kulisse, Fische und Korallen werden in den Raum projiziert, und mit jedem Lichtwechsel ändert sich Stimmung, Ort oder Zeit. Zwölf Tonnen Sand machen es dem Publikum nicht schwer, sich Meeresboden oder Strand zu vergegenwärtigen. Die (mehrheitlich jungen) Zuschauer staunen über dieses Spiel mit Ausstattung, Technik, Musik und Bildern. Matthias Komm übersetzt die gut 150 Jahre alte Geschichte in das Hier & Jetzt, in unsere (vom Fernsehen und dessen Möglichkeiten geprägte) Lebenswirklichkeit, ohne plump das geheimnisvolle Ferne und Märchenhafte preiszugeben.

Das gilt auch für die (meist gelungenen) Gags (mit denen die Inszenierung nicht gerade sparsam umgeht). Wenn etwa die Partygesellschaft bei einem Maskenball vom höfischen Tanz plötzlich (begleitet von passenden Beats) zur Choreographie des „Ketchup-Songs" (immerhin einer DER Sommerhits des Jahres) wechselt, ist das nicht nur eine nette Idee am Rande, sondern Programm. Nach so einer fetten Feier wirkt es erst recht tragisch, dass sich der Prinz entscheidet, eine fremde Prinzessin zu heiraten und nicht seine Meerjungfrau.

Ein gemeinsames Happy End für beide gibt es nicht. Dafür wird die Meerjungfrau am Schluß von den Luftgeistern aufgenommen und bekommt eine Seele – genau wie alle Tiere. Kaum zu glauben, dass damit (und nach gut 60 Minuten) der schöne Märchentraum schon enden soll; aber so will es Andersen, und so will es auch Andreas Gruhn, der Leiter des Dortmunder Kinder- und Jugendtheaters, der die Geschichte zusammen mit Regisseur Komm für die Bühne bearbeitet hat. Da hilft es auch nichts, wenn die „Zugabe"-Rufe im Zuschauerraum immer lauter werden. Wir Menschen müssen (erst mal) zurück in unsere Welt – ob es uns passt oder nicht.

Stefan Schmidt, 21. November 2002

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Interview mit dem Leiter des Dortmunder  Kinder- und Jugendtheaters, Andreas Gruhn.

"Die kleine Meerjungfrau" gehört zu einer Sammlung von Kunstmärchen des Dänen Hans Christian Andersen, die zwischen 1835 und 1848 in insgesamt elf Heften erschienen sind. Wegen ihrer klaren Poetik sind viele davon auch heute noch bekannt. Dazu gehören "Die Schneekönigin", "Das häßliche Entlein" und "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern". Schon der Autor hatte sie nicht nur für Kinder geschrieben: "Ich greife eine Idee auf, die für Ältere gedacht ist - und erzähle sie dann den Kleinen, während ich daran denke, dass Vater und Mutter oft zuhören, und ihnen muss man etwas für den Verstand geben." Auch die Bühnenversion von Andreas Gruhn und Matthias Komm ist nicht nur etwas für den Nachwuchs.

Aufgeführt wird die Inszenierung noch bis zum 23. Dezember immer montags bis freitags um 9.30 Uhr und um 11.30 Uhr /sonntags um 15 und um 17 Uhr im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße. Mehr Infos auf der Homepage des Theaters Dortmund oder im Interview mit dem Leiter des Dortmunder  Kinder- und Jugendtheaters  Andreas Gruhn